Nun blickten wir aus dem Vorgemach in die geöffnete Tür —

„Da kommt deine Mutter, Fritz!“ rief der jetzige Herr von Schloß Werden nicht mehr, und ich fühlte nicht mehr Mademoiselle Martins knöcherne Soeur-ignorantine-Finger am Ohrläppchen oder am Rockkragen: die heiße, helle Sonne des gegenwärtigen Tages hatte mehr als von irgendeinem anderen Raume des Hauses in dieser Stunde von diesem kleinen Eckzimmer Besitz ergriffen; — fern im Dorfe schlug es zwölf Uhr am Mittage, und Ewald Sixtus sagte:

„Es ist einerlei — ich habe meinen Kauf in Besitz genommen und weiß wenigstens, was ich erhandelt habe. Auch das ist etwas wert! Hat es wirklich eben zwölf geschlagen? Da kommen wir ja richtig wieder einmal wie sonst zu spät zu Tische — weißt du noch, Doktor?!… Es ist einerlei, — die Fenster wollen wir auch hier wenigstens aufsperren und die frische Luft hereinlassen. Wer war es denn, der neulich in Belfast mir vorrenommierte, daß er in einem jungfräulichen Urwalde Ordnung gestiftet und für Ästhetika gesorgt habe? Ich habe ihn damals schon ziemlich kühl ablaufen lassen, den Vetter Just; aber — jetzt soll er mir nur noch mal kommen mit seinem — Neu-Minden!“

Wir traten nun doch auch hier einen Augenblick über die Schwelle und sahen uns um und auch von hier aus noch einmal hinunter in den verwüsteten, ins Unkraut geschossenen Park. Ich war auch hier der Unbeteiligtere, der nur als guter Freund und allenfalls als Ratgeber mitgenommene Privatgelehrte aus Berlin; aber, ich kann’s nicht leugnen, es kam in dieser Stunde doch auch mir sehr seltsam vor, daß das Grün draußen noch immer die Oberhand behielt, daß die Vögel lustig nach alter Sommerweise weiter zwitscherten, daß um das wuchernde Gebüsch und die Baumstumpfen dieselben Schmetterlinge wie zu unserer Zeit flatterten, kurz, daß sich alle Hauptlieblichkeiten der Erde weder um Schloß Werden noch um unsere gegenwärtigen Privatgefühle und Stimmungen im mindesten kümmerten. Und in diesem Augenblick trat es mir zum ersten Mal ganz klar und ohne Schatten auf der lichten Vorstellung vor die Seele, zu was für einem Segen der Vetter Just auf seinem Steinhofe auch für diesen Ewald Sixtus und jene Irene Everstein wieder angekommen war, um daselbst von neuem „auf menschliche Schicksale zu warten“.

Man hatte aus dem einen Fenster dieses Eckstübchens einen Blick nach jener Gegend. Der Freund stand mit untergeschlagenen Armen und zusammengepreßten Lippen und sah dorthin. Der einzige kühlende Hauch in dieser schwülen Mittagsstunde kam über Berge und Wälder, über den Fluß, wieder über die Wälder und Wiesen und über den verwilderten Garten, der zu dem Handel und Kauf des irländischen Ingenieurs gehörte, aus jener Richtung.

„Es wird wohl eine ziemliche Weile dauern, ehe du alle deine Arbeitsleute hier am Werke hast,“ meinte ich leise. „Da haben wir dann Zeit, alle möglichen Besuche in der Umgegend zu machen. Meinst du nicht?“

Der irische Glücksbaumeister drehte sich rasch von dem Fenster und der im Mittagssonnenschein flimmernden Ferne weg und mir zu:

„Wir kommen unbedingt zu spät zu Tisch. Das wenigstens ist uns aus der alten vergnügten Zeit geblieben. Deinen Rat habe ich nun auch. Schloß Werden haben wir gesehen; wenn du nicht noch eine Privatgespensterkammer in dem alten Kasten weißt, die ich dir aufschließen kann, so wird es wohl das beste sein, wir gehen so leise, wie wir gekommen sind. Ach, lieber Alter, mein Geschäft hat mich freilich hauptsächlich auf Erdarbeiter, Maurer und Zimmerleute angewiesen. Ich habe mancherlei durch das Volk ausgerichtet, und so ist es nicht ganz meine Schuld, wenn ich in der Ferne mir einbildete, meine Luftschlösser zu Hause mit ihrer Beihülfe wieder aufbauen zu können.“

„Es ist nicht das erste Mal, daß du mir dieses sagst, seit du mich aus meiner Dachstube abgeholt hast. Ein jeder bleibt unwillkürlich in seinen Handwerksausdrücken und was sonst zu den Künsten gehört, durch welche er durchs Leben kommt. Sonst aber gibt es eine Redensart: Du sprichst über dein Herz weg; und so ist es außer dem guten Rat, den ich dir gegeben haben soll, meine Meinung, daß wir gegenwärtig Schloß Werden auf sich beruhen lassen, wie es ist, und deinen Vater und — deine Schwester nicht gleich am ersten Tage von neuem über die Zeit mit der Suppe warten lassen. Schloß Werden haben wir gesehen, sehen wir uns also morgen den Steinhof an. Der Mensch, in seinem Gemäuer gefangen, besinnt sich lange nicht oft genug darauf, daß er lebt, Leben ist und es mit dem Lebendigen zu tun hat, solange er lebt.“

„Das solltest du drucken lassen, Fritze; das klingt ja ganz famos!“ sagte der Irländer, und dann gingen wir in der Tat endlich nach Hause und kamen wieder einmal nicht ganz zur rechten Zeit. Es ließ sich aber nicht ändern, und was wir diesmal zur Entschuldigung vorzubringen hatten, konnte leider nur zu sehr als rechtsgültig angenommen werden. Wir logen diesmal nicht, wenn wir zu unserer Entschuldigung anführten, daß es uns unmöglich gewesen sei, früher zu kommen. — —