Den langen Sommernachmittag durch saß ich an einer anderen Stätte der Erinnerung, neben dem Stein nämlich, welchen die Kameraden meinem Vater auf der Stelle, wo er von den Schmugglern zu Tode verwundet worden war, errichtet hatten. Wenn die Bäume um das Schloß zum größten Teil verschwunden waren und dem Gestrüpp und Unkraut Platz gemacht hatten, so war hier der Wald beträchtlich emporgeschossen, und ein schöner kühler Schatten lag auf dem bösen Ort. Da der Boden, wie ich geschrieben habe, ein wenig sumpfig war, so war der Stein auch bereits so ziemlich darin versunken und die Inschrift und Widmung darauf des Mooses und der Flechten wegen kaum noch zu entziffern: er predigte mir wirklich auch noch die Vergänglichkeit aller Dinge, die Nichtigkeit aller Sorgen, Wünsche und Hoffnungen, das Vorbeigleiten der Erscheinung, gerade — als ob das noch unbedingt notwendig gewesen wäre. Ich aber hielt ihm im Halbtraum nach der schwülen Wanderung durch Schloß Werden und nach dem Mittagsessen eine Gegenrede, und die Waldfrische tat wohl das meiste dazu, daß wir ruhig voneinander schieden. Es spukt immer viel mehr in altem Gemäuer als im jungen Laubwalde. Als ich nach dem Försterhofe zurückkam, war der Vetter natürlich längst daselbst vom Gaul gestiegen, und ich sah ihm sofort an, daß er im Vorbeigleiten der Erscheinung etwas zu bemerken hatte, was er lieber mir zu sagen wünschte als dem Freunde. Ich sah es jedoch auch der — Freundin — ich sah es Eva Sixtus an, daß er mit der bereits darüber gesprochen hatte. Also begleitete ich ihn zum zweiten Male durch die Mondscheinnacht und das Dorf Werden auf den Weg nach Hause; er aber sagte:
„Es ist auch Evas Meinung, daß du zuerst allein zu uns kommst und nachher erst unseren Freund mitbringst. Ich meinesteils habe doch den Schulmeister nicht lange genug gespielt, um ganz genau und deutlich in Worten ausdrücken zu können, wie ich die Sachlage ansehe. Wie ich dir es voraussagte, so war’s; ich fand Irene noch wach, als ich gestern oder vielmehr heute morgen nach Hause kam; — gefragt hat sie nicht, aber gewußt hat sie gleich, daß ich ihr eine Neuigkeit mitbrachte; — ‚Fritz und Ewald sind da, Irene!‘ habe ich gesagt, weil ich immer gefunden habe, daß das Einfachste stets das Beste ist; — erwidert hat sie eigentlich nichts, aber sie ist wach geblieben und nicht mehr zu Bette gegangen. Die Magd hat mich gefragt, weshalb die gnädige Frau in dieser Nacht gar nicht zu Bette gegangen sei? — Du sagst, Doktor, daß ihr auf Schloß Werden es heute mittag mit allerhand Gespensterspuk zu tun gehabt habt; aber meine Meinung ist, auf dem Steinhofe sind auch allerlei Geister und zwar nicht von der besten Sorte umgegangen! Wieviel ruhiger lebten wir in der Welt, wenn wir uns nicht immer aus unserem Schicksal unsere Reue und unsere Gewissensbisse zurechtschnitten — stets in dem Gefühl, uns selber nie das geringste vergeben zu dürfen. Fritz, du weißt, ich habe von frühesten Jahren an immer zu dir aufgesehen, du bist der einzige von uns, der es zu etwas gebracht hat, — du würdest mir nicht bloß einen Gefallen, sondern eine große Liebe antun, wenn du zuerst mit ihr sprechen wolltest.“
Das hatte ich denn aus meinem Leben in das alte Nest glücklich mitgebracht: sie durften mir alle in der wohlmeinendsten Weise ungestraft Sottisen meiner Brauchbarkeit wegen sagen. Fremden gegenüber würde ich mit Grund die bloße Ironie hinter der sehr ernsthaften Miene vermutet und gesucht haben; die Freunde durfte ich wenigstens für ehrlich und wirklich vertrauensvoll in ihrem Glauben an mein Studium in Wittenberg halten. Jedenfalls hatte ich genug studiert, um mir die Sache zurechtlegen zu können. Es gibt nämlich in gewissen Krisen des Lebens eine Feigheit, die nur ein anderer Name oder besser die Folge einer kurz zuvor bewiesenen Herzhaftigkeit ist. Wofür tapfere Männer alles gewagt und gelitten haben, wagen sie dann zuletzt nicht einen Gang über die Straße, nicht ein Anklopfen an eine Tür, sondern sie schicken einen andern oder möchten ihn doch am liebsten schicken, und deshalb — hatte ich für Ewald Sixtus mit Schloß Werden sprechen sollen, und darum — erschien es wünschenswert, daß zuerst ich mit Irene Everstein rede. Von meiner Gelehrtheit sprachen sie; aber, ihnen selber unbewußt, meinten sie: das, was uns bewegt, kümmert ihn am wenigsten, also was kümmert’s ihn? Wenn Einer uns sagen kann, was wir hören wollen oder hören müssen, so ist er’s. Er ist objektiv in dieser Sache; Steine und Menschen werden also ihm gegenüber unbefangen sich gehen lassen, und — Ihm werden sie nichts tun. Wir aber, die wir Tag für Tag mit ihnen zu tun gehabt haben, wir fürchten uns!
Ich hatte mich aus der Mitte der Gevattern- und Vettern-Besuche in der Försterei von dem Freunde wegholen lassen, um mit ihm Schloß Werden zu besichtigen; ich ging am anderen Morgen dem Freunde vorauf nach dem Steinhofe, um die letzte Herrin von Schloß Werden, um Irene Everstein darüber sprechen zu hören. Es ist stets in solchen Fällen viel leichter Ja als Nein zu sagen. Man will eben doch nicht umsonst an seiner Ehre gefaßt und für einen erfahrenen Mann gehalten worden sein.
Zwölftes Kapitel.
Der Fluß hatte es eilig wie immer; aber er, der mir in meiner Kindheit den einzigen klaren Eindruck von dem Vorbeigleiten der Erscheinung gegeben hatte, dessen schnelle Wasser mich in der Phantasie stets unwiderstehlich mit sich in die Ferne gerissen hatten, er war von allen Dingen in der Heimatgegend allein derselbe geblieben. Unsere Nester in den großen Nußbüschen waren verschwunden, die Wiese, über die sonst der Weg nach dem Walde führte, zerstückelt und zum Teil zu Ackerfeldern gemacht. Auch die Wälder selbst waren nicht mehr die nämlichen wie sonst. Den Hochwald hatte man teilweise gelichtet, teilweise ganz niedergeschlagen; das Unterholz war aufgeschossen, und Heidestrecken hatten sich mit dichtem Gebüsch bedeckt. Wo man sonst von einem Berggipfel die freieste Aussicht in die Ferne gehabt hatte, suchte man nun nach einem Blick auf den Sommerhimmel zwischen dem dicht verschlungenen Gezweig. Nicht alle Pfade liefen noch wie in unserer Jugendzeit durch den Forst, aber der Fluß — der Fluß ging noch seinen alten Weg; ich aber ging diesmal über die Brücke bei Bodenwerder und verließ mich nicht mehr auf den Kahn, welchen vordem der Vater Klaus stets so mürrisch-wohlgefällig zu unserem Dienst aus dem Uferschilf und Röhricht hervorzog. Auch das war sehr fraglich, ob ich den guten Alten, seine Fischerhütte, sein lustig romantisch Herdfeuerchen und sein morsches Fahrzeug noch am Rande der Weser finden würde. Über sechzig Jahre war er schon zu unserer Zeit alt gewesen, aber unterwegs tat es mir doch leid, daß ich mich nicht nach ihm erkundigt hatte, und fast wäre ich noch umgekehrt.
Wie andere gelassene Leute gelangte ich über die Brücke bei Bodenwerder von einem Ufer auf das andere und auf den Weg nach dem Steinhofe.
Der zog sich noch durch die Felder wie sonst. Mir war es, als müsse ich jeden Dornbusch an seinem Rande wiedererkennen und dürfe ruhig auf seine Identität schwören; doch dies war wohl ein Irrtum. Ich habe es beschrieben, wie wir als Kinder auf diesem Pfade an heißen Sommertagen müde wurden und uns nach dem Baumschatten, dem kühlen Grase im Grasgarten und nach der guten Verpflegung des Hofes sehnten; ich habe es geschildert, wie wir den Vetter auf einem Steine am Wege auf Menschenschicksale wartend fanden, und — auf den Stein durfte ich dreist schwören: es saß wiederum jemand darauf, in seine Träume verloren, auf Menschenschicksale wartend und die Schritte, die sich auf dem heißen, sonnigen, steinigen Wege näherten, überhörend.
Auf dem Feldquarz, unter den Disteln und Nesseln, zwischen die einst der Vetter Just Everstein verlegen greinend seine lateinische Grammatik versteckt hatte, als wir ihn nach unserer Art jubelnd anschrien, saß unter dem wolkenlosen blauen Sommerhimmel, ihr schönes müdes Haupt mit der Hand stützend, der Gast des Vetters Just, Irene von Everstein.
Ich sah sie niedergleiten am frühen frischen Morgen aus unseren schwankenden Märchennestern im Grün, hinab auf die tauige, blitzende Wiese; ich sah sie elfenhaft uns vorangleiten durch das Waldesdunkel; ich hörte sie lachen auf dem Fluß und sah sie ihre Hand in die rinnenden Wellen tauchen: erzählte uns nicht einmal vor langen Jahren der Vater Klaus auf der Überfahrt von einer, die wohl weit von oben her zugereist sein mußte, weil sie, nachdem er sie aus dem Schilf ans Land geholt hatte, niemand kannte im Lande?