Einen Augenblick lang öffnete der Kranke die Augen, er hörte Stimmen um sich her; jemand hielt ihm einen Krug voll frischen Wassers an die heißen Lippen. Er hatte nicht fragen können, wo er sei, wer ihm helfe in seiner Not? — von neuem ergriff ihn der Fiebertraum.

Aus dem Kinde ist im lustigen Wildschützenleben ein wackerer Bub geworden. Hinaus aus dem grünen Wald zieht der Knecht Erdwin mit dem Schützling. Die Zeiten sind danach — wer kühn die Würfel wirft, kann wohl den Venuswurf werfen. Mancher gelangte in der Fremde zu hohen Ehren und Würden, der im Vaterlande kaum den heilen Rock trug. Gern kaufen Franzosen, Spanier, Holländer mit rotem Golde rotes deutsches Blut. Ho, so hattest du dir die Welt draußen vor dem Wald wohl nicht gedacht, Christoph von Denow? Hei, das waren andere Gestalten und Bilder: Städte, Klöster und Burgen; Fürsten mit Rittern und Rossen, schöne Damen, Äbte und Bischöfe mit reichem Gefolge, Bürgeraufzüge, bunte Landsknechtsrotten auf dem Wege nach Italien, nach Frankreich — für den Kaiser und wider den Kaiser!

Aus dem Reitersbuben ist ein Reitersmann geworden, welcher nichts sein nennt, als sein gutes Schwert, und welchem von den Vätern her nichts geblieben ist, als der eiserne Siegelring mit dem Wappen derer von Denow, welchen er am Finger trägt.

Immer weiter hinein in das bunte Leben, in den bunten Traum — tagelang, wochenlang im Wundfieber kämpfend zwischen Sein und Vernichtung, bis endlich eine Glocke dumpf und feierlich erklingt, eine Glocke, die nicht mehr allein in dem Gehirn des Kranken läutet!

„Wo bin ich?... Die Glocke, was will die Glocke?“ murmelte Christoph von Denow, die Augen aufschlagend.

Anneke Mey stieß einen Freudenschrei aus und hob das Haupt des Junkers ein wenig aus ihrem Schoße: „Er lebt, o guter Gott, er wird leben!“

„Die Glocke! die Glocke?“

„Still, lieget still, Herr! das ist Sankt Lambert zu Münster, und da — horcht! das ist der Dom! Morgen ist der heilige Matthiastag — still, still, lieget ruhig.“

Es wurde dunkel über dem Junker; das Wäglein fuhr in diesem Augenblick durch die Torwölbung. Der Junker schloß die Augen wieder, er glaubte einen Wortwechsel zu hören, er glaubte zu bemerken, daß der Wagen hielt, Annekes Stimme erklang ängstlich und bittend dazwischen. Er glaubte ein bärtiges Gesicht über sich zu sehen und einen Ausruf des Schreckens zu hören. Der Wagen bewegte sich wieder — er fuhr aus dem dunklen Tor in das Licht der Straße hinein. — —

Das war das Gesicht des alten Knechts Erdwin, welches der Junker von Denow über sich sah, bis im folgenden Moment alles verschwand und es wieder Nacht war im Geiste Christophs. — Allmählich aber wurde diese Nacht jetzt Dämmerung; die Gedanken ordneten sich mehr und mehr. Christoph von Denow erwachte wieder zum Leben.