Er fühlte den wohltuenden Strahl der milden Herbstsonne, er vernahm die Worte der Freunde um sich her. Jetzt erzählte Erdwin, der Knecht, jetzt sprach Anneke Mey, jetzt lachte Hans der Trommelschläger. Die Landschaft glitt an ihm vorüber, Städte, Dörfer, Flecken, er sah blaue Höhenzüge im Osten auftauchen und vernahm, wie ein Wanderer dem Knechte Erdwin sagte, das sei der altberühmte große Teutoburger Wald. Er schlummerte abermals ein, und als er abermals erwachte, fand er sich mitten in den Bergen, und ein Wasser rauschte seitwärts in das Dickicht. „Das Wässerlein kenn’ ich,“ rief Anneke, „das ist die Else, die fließt in die Werre, und die Werre fließt in die Weser, nun sind wir der Heimat nahe.“
„Und wie ziehen wir nun, Anneke?“ fragte der getreue Knecht Erdwin, welcher munter neben dem Wagen, den Spieß auf der Schulter, herschritt.
„Wo die Sonne aufgeht, fahren wir zu; aus dem Teutoburger Wald in den Lippeschen Wald, zuletzt wird doch mal ein Berg kommen, von dem wir die Weser glitzern sehen können. Dann sind wir zu Hause!“
„Anneke, Anneke!“ murmelte Christoph.
„O, wachet Ihr wieder, Junkerlein? geduldet Euch und lieget still, wir sind alle noch da, und der Meister Erdwin ist auch da und hat mir alles von Euch erzählt und ich ihm auch alles von Euch.“
„O Junker, Junker, seid Ihr wach?“ rief der Knecht Erdwin und schauete über den Rand des Wagens. „Das Mütterlein im Himmel muß über uns wachen, daß ich Euch grad am Tor zu Münster treffen mußt’. Von der Reichsschanze bis nach Münster bin ich kreuz und quer Euern Spuren nachgezogen. Habt mich schön in Angst und Not gebracht! Haltet das Maul, Junkerlein. Dem Herzmädel da dankt Ihr Euer jung Leben. Lasset Euch tränken und atzen und schlaft wieder ein, wir halten Euch oben, Hans und Anneke und ich!“
Christoph drückte schwach die Hand des wackern Alten, er wollte nach dem Heere fragen, nach den Meuterern, aber er vergaß es. Sein wunder Kopf ruhte noch immer an der Brust der jungen Dirne. Aus schwimmenden Augen blickte er auf zu dem braunen, wildfreundlichen Gesicht über ihm.
„Ach, Anneke Mey, Anneke Mey, wohin willst du mich führen?“
„In meiner Heime ist es gar schön,“ sagte das Mädchen. „Da sind die Berge und die Wiesen so grün, da schaut die alte Burg, sie heißen sie die Homburg herab auf das Städtel. Da sind die hohen weißen Felsen ganz weiß, weiß — da wohnen die klugen Zwerge in tiefen runden Löchern. Das ist wahr, ganz gewiß wahr! Es ist auch schaurig da, manchmal rührt sich der Boden, und der Wald sinkt ein in die Erde, tief, tief, — und ein Wässerlein springt dann unten in dem Grund auf; das Wasser trinken die Leut nicht gern. Aber mitten in den Bergen, da ist ein kühler Bronn, der Wellborn geheißen, aus dem kommt das Wasser durch Röhren in die Stadt, und die Brunnen rauschen und plätschern immer zu. Und vor dem Burgtor ist ein klein Haus dicht an der Stadtmauer, da sitzt meine alte Muhme, die Alheit — mein Vater und Mutter sind lang tot im Lager von Lafere, wo wir mit dem französischen König Heinrich waren — und ihre Katz sitzt neben ihr, und wenn sie, ich mein’ die Muhme — an mich gedenkt, so brummt und keift und bet’t sie ein Vaterunser, grade weil sie mich gern hat. Schläfst noch nicht, Junkerlein? Mach die Augen zu und kümmre dich nicht um die Welt.“
Mit leiser Stimme fing das Mädchen an zu singen: