Der König nahm das Schreiben und überflog es.
„Vinacche?! der Goldmacher!“ murmelte er und zuckte die Achseln.
„Ich höre Erstaunliches über den Mann,“ meinte die Marquise. „Sein Luxus geht ins Grenzenlose. Die größten Herren Eures Hofes, Sire, gehen bei ihm ein und aus. Der Herzog von Brissac hat mir neulich stundenlang von dem geheimnisvollen Menschen gesprochen. Neulich war auch Madame von Chamillard bei mir; sie steht in Verbindung mit dem reichen holländischen Bankier van der Hultz. Auch dieser Mann soll vollständig überzeugt sein, Monsieur de Vinacche habe das Projektionspulver gefunden, Monsieur de Vinacche mache in Wahrheit Gold.“
„Ach, Marquise, von wie vielen haben wir das geglaubt!“
„Sire, wäre ich an Eurer Stelle, ich würde d’Argenson beauftragen, diesen Italiener etwas genauer zu beobachten.“
Der König zuckte abermals die Achseln und gab das Billett zurück.
„Wenn d’Argenson das für nötig hält, so mag er seine Anordnungen treffen; — ich will nichts damit zu tun haben. Was beginnen Eure Fräulein zu Saint Cyr, Marquise?“
Nachdem der König das Gespräch auf eine andere Bahn geleitet hatte, war es vergeblich, von neuem den verlassenen Punkt zu berühren; aber die Marquise schob das Billett in ihre Tasche und faßte einen Beschluß. Am andern Tage schickte sie ihren Stallmeister Manceau in die Gasse Saint Sauveur zu Vinacche, unter dem Vorgeben: er solle Diamanten kaufen für eine fremde Prinzessin. Manceau, von seiner Herrin bestens instruiert, ließ nichts in dem Hause des Alchymisten außer Augen und erzählte nachher Wunder von der Pracht und dem Glanze, die darinnen herrschten. Pferde, Gemälde, Silbergeschirr, Meubles, alles taxierte er, wie ein Auktionskommissär; auf seine Frage nach Juwelen antwortete aber Vinacche, er besitze deren wohl sehr schöne, aber er handle nicht damit.
Fast schwindelnd von dem Geschauten kam der Abgesandte der Marquise nach Versailles zurück und stattete seiner Herrin Bericht ab. Einige Tage nachher wurde Stefano Vinacche selbst nach Versailles beschieden und daselbst sehr höflich und zuvorkommend von Herrn von Chamillard empfangen! Ein langes Gespräch hatten die beiden Herren miteinander, und hinter einem Vorhange lauschte die Marquise von Maintenon demselben. Aber aalglatt entschlüpfte Vinacche jeder Frage, die sich auf seine große Kunst bezog; er nahm Abschied und bestieg seine Karosse wieder, ohne daß die Marquise und Chamillard ihrem Ziel im geringsten nähergekommen wären.
„Lassen wir d’Argenson kommen!“ sagte Frau von Maintenon. „Um keinen Preis darf uns dieser Mann entgehen.“