Wohl mochte nachher d’Argenson in seinem Bericht an Chamillard von „billonage“, von Kipperei und Wipperei sprechen, es glaubte niemand daran, selbst der Berichterstatter glaubte nicht daran; man brauchte nur eine Rechtfertigung dem aufgeregten Publikum gegenüber. Zu Versailles wirkte die Nachricht von dem Tode Stefano Vinacches gleich einem Donnerschlag; der König Ludwig der Vierzehnte wurde darob ebenso zornig und niederschlagen, wie später in demselben Jahre über die Kunde von den Niederlagen auf dem Schellenberge und bei Höchstedt. Die Frau Marquise und die Herren de Chamillard und d’Argenson hatten einige bittere Stunden zu durchleben; aber was half das? Stefano Vinacche war tot und hatte sein Geheimnis mit in das Grab genommen!
Der Witwe des Unglücklichen meldete man offiziell, ihr Gemahl sei in der Bastille am Schlagfluß verschieden; sie blieb im ungestörten Besitze aller der auf so geheimnisvolle Weise erworbenen ungeheuren Güter. Der alte Bericht, dem wir dieses seltsame Lebensbild nacherzählen, vergleicht den gemordeten Stefano mit jenem Künstler, welcher dem Imperator Tiberius ein köstliches Gefäß von biegsamem, hämmerbarem Glas überreichte. Der Kaiser bewunderte die vortreffliche Erfindung und fragte, ob dieselbe schon andern Menschen bekannt sei, welches der Künstler verneinte. Auf diese Antwort hin ließ der Tyrann dem genialen Erfinder den Kopf abschlagen und die Werkstatt desselben zerstören, damit nicht „Gold und Silber gemein und wertlos würden, wie der Kot in den Gassen von Rom“.
„Par notre Dame de Miracle, Madame, Euer Gemahl war ein großer Mann,“ sagte der Herzog von Chaulnes zu der trauernden Witwe Stefanos, „Euer Gemahl war in Wahrheit ein großer Mann; aber einen Fehler hatte er, er war zu verschwiegen! Wie oft hab’ ich ihn beschworen, mir sein großes Geheimnis anzuvertrauen, — Madame, auf meine Ehre, Monsieur Etienne war zu verschwiegen, viel zu verschwiegen.“
„O Madame, Madame, die Welt ist nicht so beschaffen, daß sie ein großes Genie in sich dulden könnte!“ sagte zur Frau Vinacche der Dichter Jean Baptiste Rousseau, der Freund Stefanos. „Madame, die Welt kann das Talent nur töten, und es gibt nur einen Trost:
c’est le même Dieu qui nous jugera tous!“
„Liebste Schwester,“ sagte der Graf d’Aubigné zur Marquise von Maintenon, „liebste Schwester, in meinem Leben habe ich noch nichts erfunden, wohl aber traue ich mir viel Geschick zu, die Erfindungen anderer Leute herauszuholen. Ihr wißt das ja; mon Dieu, weshalb habt Ihr mir nicht diese Geschichte mit dem Italiener überlassen? Das war kein Charakter für die Kunst Monsieur d’Argensons.“
Die Frau Marquise seufzte, zuckte die Achseln und griff nach ihrem Gebetbuch, Mademoiselle La Caverne, ihre Kammerfrau, meldete: Seine Majestät verfüge sich soeben in die Messe. Graf d’Aubigné, welcher „sich wegen seiner Schwester Regierung einbildete, er sei die dritte Person in dem Königreiche“, ließ die Unterlippe herabsinken und legte sein Gesicht in die frömmsten Falten.
„Gehen wir, mein Bruder,“ sagte die Marquise. „Wir wollen beten für die Seele dieses unglücklichen Monsieur de Vinacche und bitten, daß Gott uns seinen Tod nicht zurechne.“