„Nun, Mutter! Einmal noch? Was meinst du?“ Kleine weiße Händchen — weiße beringte Hände hatten ihre Verführungskünste nicht ohne Erfolg versucht; nun legte sich statt anderer Antwort auf die Frage des alten Herrn wieder eine Hand auf die seinige. Das war aber keine weiche, keine weiße, keine kräftige mehr; aber eine starke und treue war es auch; vielleicht wohl die stärkste und treueste.

„Die Großmutter hat recht! Es hat alles seine Zeit, und die unsrige ist gekommen. Junges Volk, wir werden zu Bette geschickt von ihr, der Madame Zeit, während die Jüngsten aufbleiben dürfen. Der Kopf summt uns zu sehr morgen früh, wenn wir uns dagegen sperren und wehren; und es ist zwar hübsch von Großmama, wenn sie nur von Rheumatismus spricht; aber das rechte Wort ist es eigentlich nicht. Sie hätte ganz dreist Gicht sagen können, gerade so gut wie der Herr Schwiegersohn und Doctor medicinae da hinter seinem Punschglase, wenn er jetzt ein Gewissen hätte. Liebe Kinder, wir sind beide über siebenzig Jahre alt, und —“

„Oh!...“

„Und wir sind sehr glücklich und behaglich. Sehr wohl ist uns zumute und so wünschen wir euch allen zum erstenmal vor Ablauf des alten Jahres ein glückliches neues.... Bitte, lieber Sohn, ich weiß, was du sagen willst; aber wende dich damit an die Mama, die wird dich versichern, daß deine Frau, unsere liebe Sophie da, heute über dreißig Jahre sicherlich gleichfalls viel verständiger sein wird, als du. Wende dich an deine Mutter, mein Schmeichelkätzchen Marie. Sie hat immer gemeint, du seiest ganz ihr Vorbild, also wirst du wohl wissen, was in vierzig Jahren in der Neujahrsnacht deine Meinung sein wird, wenn die unverständige Jugend dir deinen Mann da verführen will. Schieben Sie die Kinder nicht so heran, lieber Schwiegersohn, sie machen der Großmama nur das Herz schwer. Es ist Zeit geworden für uns; — — — ein fröhliches, segensreiches Jahr ihr — alle!...“

„Alle!“ jubelten sie, und die Gläser hatten geklungen, und die Kinder, die Enkel hatten sich zugedrängt und ihre kleinen Becher hingehalten, ohne daß man sie dazu zu schieben brauchte. Sie hatten sehr gejubelt; und die Tonwellen der Gläser und der Stimmen waren verklungen.

„Nun seid weiter vergnügt; aber die Kinder laßt ihr mir morgen ausschlafen. Begleitung nehmen wir nicht mit, die Trepp’ hinauf. Wir finden unseren Weg schon allein, nicht wahr, Walter?“ sagte die alte Dame, die Großmutter des Hauses.

[II.]

ie entschlüpften, wie man entschlüpft, wenn man das siebenzigste Lebensjahr hinter sich hat. Langsam stiegen die beiden die teppichbelegte Treppe in ihre Stube hinauf, der Greis gestützt auf den Arm der Greisin; und dann waren sie allein miteinander, noch einmal allein miteinander in der Neujahrsnacht.... Umgesehen hatten sie sich nicht auf der Treppe und einen leisen Schritt, einen Kinderschritt, der ihnen nachglitt, den hatten sie überhört. Ein so scharfes Ohr, wie vor Jahren, hatte keins von den zwei Alten mehr; aber diesen Schritt, diesen Geister-Kinderschritt würde auch wohl jedes andere jüngere Ohr überhört haben. —

Auf dem Altenteil! Das kann eines der bittersten Worte sein, die das Schicksal den Menschen in dieser Welt zuruft; aber auch eines der behaglichsten. Für diese beiden Alten war es nach langer schwerer, mühseliger Arbeit ein behagliches geworden. Sie fanden ihre Gemächer durch ein verschleiertes Lampenlicht erhellt, ihre beiden Lehnstühle an den warmen Ofen gerückt und: