„Mit dem Schlage Zwölf komme ich doch und poche an eurer Kammertür und spreche meinen Wunsch durchs Schlüsselloch. Ihr braucht aber nicht darauf zu hören; ich schicke ihn euch auch in den Schlaf hinein!“ hatte das jüngste und am jüngsten verheiratete Töchterlein als letztes Wort im Festsaale da unten gesagt.
„O mein Gott, da sitzt ihr noch?“ rief dieselbe junge Frau unter dem Glockenklang und dem Neujahrschoral von den Türmen, unter dem plötzlich aufklingenden Gassenjubel und dem Jubel der Kinder und Enkel in dem Saale des Hauses. „Das ist doch ganz wider die Abrede, und heute übers Jahr werden wir euch da unten bei uns fester halten, ihr Lieben, Bösen, Besten!... Ein glückliches neues Jahr, Großpapa! ein glückliches neues Jahr, Großmama!“
Da stand ein niedrig lehnenloses Sesselchen mit einem verblaßten gestickten Blumenstrauß darauf neben den zwei Stühlen der Greise. Die junge Frau, nachdem sie den Vater und die Mutter mit ihren Küssen fast erstickt hatte, saß nieder auf dem kleinen Stuhl und hatte keine Ahnung davon, wer eben vor ihr darauf gesessen und die Mutter und den Vater gegen die Abrede und gegen ihren eigenen festen Vorsatz wach gehalten hatte über die Mitternachtsstunde hinaus und aus dem alten Jahr in das neue hinein! Mit leise bebender Hand strich die alte Frau die blonden Haare der Tochter aus dem lebensfreudigen, glühenden, erhitzten Gesichte. Die blonden Locken, die sich eben vor ihr ringelnd bewegt hatten, waren schon vor vierzig Jahren zu Staub und Asche geworden: die junge Frau wußte nichts von ihnen, oder doch nur gerüchtweise. Lange vor ihrer Geburt war das erste, das älteste Kind gestorben, zwölf Jahre alt. Ein halbverwischtes Pastellbildchen, das über der Kommode der Mutter, der Großmutter des Hauses, hing, war alles, was von ihm übrig geblieben war in der Welt.
Alles?
[III.]
in leiser Schritt, ein unhörbarer Schritt; — ein Geister-Kinderschritt in der Silvesternacht!... Wir haben gesagt, daß die beiden Greise vor einer Stunde die Treppe zu ihren Gemächern hinaufgestiegen und ihn, wie wir übrigen alle, nicht vernahmen. Ganz war es doch nicht so.
Als der alte Herr der alten Dame mit immer noch zierlicher Höflichkeit die Tür öffnete, um sie zuerst über die Schwelle treten zu lassen, hatte die Frau einen Augenblick gezögert und zurückgesehen und gehorcht.
Der alte Herr glaubte, sie horche noch einmal auf den fröhlichen Lärm, auf das heitere Stimmengewirr der Neujahrsnacht dort unten im Festsaal des Hauses.
„Sie sind gottlob recht heiter,“ meinte er, „wüßte auch nicht, weshalb nicht. Und auch wir, — Mutter! — nicht wahr, Alte?... Wie spät ist es denn eigentlich? Elf Uhr! Noch früh am Tage, wenngleich wirklich ein wenig spät im Jahre.“