„Mein Ännchen!“ seufzte einfach die Greisin; doch die blonden Locken wurden wie mutwillig von neuem geschüttelt, und wieder legte sich der kleine Finger schalkhaft auf den Mund: „Ja, ich war immer da, wenn ihr auch nicht an mich zu denken glaubtet: an manchem schwülen Sommertage, in mancher kalten, dunkeln, trostlosen Winternacht. An manchem Feste in der lichtstrahlenden Winternacht, an manchem sonnigen, seufzervollen Frühlingsmorgen. Jetzt haben die andern da unten im Saale euere Sorgen, Freuden und Arbeiten. Ihr aber habt Zeit für mich. Eure andern, die nach mir gekommen sind, haben mir wohl mein altes Spielzeug verkramt und zerbrochen; aber mein Plätzchen im Hause haben sie mir nicht nehmen können. Ich habe es ihnen nur geliehen, einem nach dem andern; doch mein Eigentum ist es und bleibt es; nicht wahr, Papa und Mama?! Ihr habt zwar unter den andern gottlob nun auch wieder ein Ännchen — ein Enkelkind mit meinem Namen — aber das tut nichts, wir vertragen uns schon um diesen kleinen Stuhl und um — euch!... Es war wohl ein kleiner Sarg, in den ihr mich legen mußtet; aber — ich bin immer über meine Jahre klug gewesen. Ich habe es wohl oft heimlich erlauscht, wenn ihr das über mich sagtet. Damals wußte ich freilich nicht recht, was ihr damit sagen wolltet, und ob es eigentlich ein Lob für mich sei; jetzt aber weiß ich es. Ei ja, ich bin sehr klug für meine Jahre gewesen! nun lacht nur, wie ihr damals geweint habt, als ich von euch weggeführt wurde und nicht über die Schulter zurücksehen durfte. Seht ihr wohl, da lächelt ihr wenigstens schon. Die Jahre sind nun hingegangen; lange, lange Jahre! Heute abend habt ihr euch vorgenommen, noch einmal jung zu sein mit euren Kindern und Enkeln. Es ist euch auch wohl gelungen, doch nicht ganz. Ganz jung seid ihr erst jetzt wieder, da ich mich zu euch gesetzt habe, ich — euere Älteste und euere Jüngste. Nimm meinen Krauskopf wieder zwischen deine Hände, Mutter, laß mich wieder auf deinem Knie sitzen, Väterchen; draußen schneit es sehr, und der Nordwind bläst, und es ist spät in der Nacht; ihr aber schickt mich diesmal noch nicht zu Bett; — wir wollen jetzt einander noch nicht zu Bette schicken; wir wollen noch einmal ein Weilchen sitzen und erzählen von dem, was einmal war.“
[V.]
ie hatten nur noch fünf Minuten in ihren Großväterstühlen neben dem Ofen sitzen wollen, um sich von dem Feste, dem Händedrücken, all den Küssen und guten Wünschen zu dem neuen kommenden Jahre ein wenig zu erholen, wie es den ältesten Leuten in der Familie geziemt in der Silvesternacht, während die Jugend um die lichterglänzende Festtafel weiter jubelt und lärmt, nach der Uhr sieht und den Sekundenzeiger mit lachendem Auge verfolgt bis heran an den neuen ernsten Grenzstein ihrer Erdenzeit. Und sie, die bereits Greise waren, hatten nicht nach der Uhr gesehen; sie hatten gar nicht einmal daran gedacht. Die Sekunden der letzten Stunden des Jahres waren ihnen dahingeglitten, wie die vielen, langen arbeitsvollen, inhaltreichen Jahre ihres Daseins selber bis in dieses jüngste und das eben vor der Tür stehende hinein.
„Du fragst wohl, Vater, wie wir gerade jetzt darauf kommen, und sagst, daß du an das Kind lange nicht gedacht hast,“ sagte die alte Dame. „Es ist freilich lange her, daß wir ihren kleinen Sarg dort in dem Saale, wo sie jetzt gottlob so lustig sind, aufstellen mußten. Wie wunderlich es doch ist, daß ich gerade jetzt darauf komme, was für eine schöne Sommernacht es war, in welcher sie starb! Horch jetzt nur, wie der Wind den Schnee gegen die Fenster treibt. Wir haben die andern alle behalten und wir haben an unseren Kindeskindern Freude; aber an unsere Älteste habe ich doch immer gedacht. Was würde aus den Kindern werden, wenn ihre Mütter nicht immer an sie dächten. Selbst die Gestorbenen können ohne ihre Mutter nicht auskommen. — Horch, wie sie es da unten treiben! eigentlich ist es recht unrecht von ihnen, daß sie auch die Jüngsten so lange aus dem Bette zurückhalten, und ich werde ihnen morgen früh auch jedenfalls meine Meinung darüber sagen. — Als sie in ihrem Fieber lag, saß ich auch und zerrang mir die Hände und fragte mich Tag und Nacht, was ich hätte anders machen können, damit das Schreckliche nicht so zu kommen brauchte. Du warst wohl vernünftiger, wenn du aus deinem Kontor heraufkamst und mir zuredetest, Geduld zu haben. Wie konnte ich wohl verständig sein und Geduld haben? Und man sucht doch immer so, wie man einem andern die Schuld geben kann, und wäre man das auch selber!“
„Ich meine, Mutter, wir geben das auf, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, und noch dazu so spät in der Nacht, im Jahr und in den Jahren,“ sprach der alte Herr, wiederum sehr vernünftig; und dann sprachen sie bis zu dem ersten Glockenschlage der Mitternacht nichts mehr miteinander. Dagegen aber füllte sich ihre Stube immer mehr mit den Bildern und den Klängen der Vergangenheit. Und der liebliche Spuk der Silvesternacht hatte nicht das geringste vom Phantasten an sich. Das älteste Kind des Hauses war noch einmal im vollen blühenden Leben Herrin im Reich und fand all sein altes verkramtes Spielzeug wieder, wie — die zwei weißhaarigen Greise. Sie paßten wieder ganz zueinander, die Eltern und das Kind: der dunkle, geheimnisvolle Vorhang der Zukunft hatte sich bewegt, und es war eine Kinderhand, die sich aus den schwarzen Falten weiß und zierlich hervorstreckte und winkte. Sie aber, die Fröhlichen da unten im Festsaale des Hauses, hatten dem Vater und der Mutter, dem Großvater und der Großmutter — den beiden Alten ein glückliches, ein segensreiches neues Jahr gewünscht und hatten zwischen Becherklang und lustigem Lachen ihren Wunsch wehmütig ernst gemeint, wie sich das gebührte.
„Wie gut der Papa und die Mama heute abend aussahen,“ meinten sie. „Es ist doch eine Freude, wie frisch sie sich erhalten und wie sie noch an allem teilnehmen. Aber verständig war es doch, daß sie nicht über ihre Zeit bei uns sitzen blieben. Morgen früh hätten wir uns doch Vorwürfe gemacht, wenn wir sie noch länger gequält hätten, das Vergnügen nicht durch ihr Weggehen zu stören.... Jetzt aber auf die Uhr gesehen! in fünf Minuten wird es Zwölf schlagen; — ein bißchen leise, Kinder, daß wir die alten Leute nicht wecken!“...
Zwölf Uhr und — ein neues Jahr! Alle guten Geister haben einen leisen Schritt und gehen auf weichen Sohlen; so schlich sich die jüngste Tochter des Hauses weg aus dem jubelnden Kreis, glitt die Treppe hinauf und horchte an der Tür der „alten Leute“, die durch den Becherklang, die lauten Glückwünsche und alles, was sonst noch in die Stunde gehört, nicht gestört werden sollten in ihrer Ruhe auf dem Altenteil.
„O mein Gott, da sitzt ihr noch? Das ist doch ganz wider die Abrede! Sie meinen alle da unten, daß ihr längst in den Federn liegt und euch behaglich in das neue Jahr hinübergeträumt habt.“
„Das letztere haben wir auch getan, mein Kind,“ sagte der alte Herr nachdenklich lächelnd.