Aber wie ich zurückkomme, steht schon der Bauer vor dem Pfarrer und bringt Entschuldigungen vor. Der Knecht habe gestern ein klein wenig mehr von Speisen zu sich genommen, weil die Gürtelspreng’ gewesen sei, und d’rauf habe er in der Nacht so einen heftigen Kolikanfall bekommen, daß schon alle gemeint, es sei sein letztes End’. Deswegen habe er gleich um den Priester geschickt, aber die Krankheit habe bald darauf nachgelassen, und der Hansjörgl habe in der Früh wieder rechtschaffen viel Kässuppe gegessen. Man habe hernach wohl einen zweiten Boten geschickt, daß der Herr Pfarrer nur daheim bleiben möge, aber dieser Bote sei wahrscheinlich einen andern Weg gegangen, und so sei es geschehen, wie es geschehen war.
In der Stube aber brannte das geweihte Wachslicht und stand das geistliche Brot. Sollte nun der Pfarrer wirklich mit dem Hochwürdigsten unverrichteter Sache zurückkehren müssen, was er so gefürchtet? Oder will er auf der Alm die Messe lesen und selbst das Himmelsbrot verzehren? Oder will jemand sterbenskrank werden, auf daß er die bereitete Wegzehrung genießen dürfte?
Ich sann auf Wege, sann auf Stege. Und endlich hatte ich was ersonnen. Ich war noch nüchtern. Aus Liebe zum alten Herrn, der mich in der Seele erbarmte, bekannte ich ihm auf der Ofenbank meine Sünden, und so konnte ich nun der Kommunion teilhaftig werden.
Und als die Handlung vorüber war, legte der Pfarrer den Chorrock ab und atmete auf. Die Bäuerin, die nun auch von der Weide gekommen, gab mir meine Morgensuppe und wollte dem Herrn Pfarrer mit Butter und einer Eierspeise aufwarten; er konnte aber nichts genießen, weil er an demselben Tage noch die Messe zu lesen hatte. So mußte der gute Mann fasten, weil unser Knecht Tags zuvor so ungebührlich gegessen hatte, und so mußte ich eine Beichte ablegen, weil unser Knecht Tags zuvor gegen die Mäßigkeit gesündigt hatte, und so endete in demselben Jahre das Fest der Gürtelsprenge.
Dafür hatte ich heute Feiertag und durfte den Pfarrer wieder nach Kathrein begleiten. Als wir über den Hang hinabstiegen, hörten wir Hansjörgl, den Knecht, von den Waldwipfeln herüber jauchzen. Der Pfarrer stand still und sagte zu mir: „Was meinst, Kleiner, hört sich das nicht besser, wie Totenglocken?“
Signet der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
Wilhelm Raabe:
Der Marsch
nach Hause.
Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus dem 2. Bande von Wilhelm Raabes „Gesammelten Erzählungen“ (Berlin: Verlag von Otto Janke, 1901). Der Marsch nach Hause.
1.
Am siebenten August des Jahres Sechzehnhundertvierundsiebenzig als am Geburtstagsfeste des Schutzheiligen des Ortes und der Gegend, des heiligen Gebhard, herrschte ein reges Leben in der alten Stadt Bregenz am Bodensee und rings um dieselbe. Seit langen Jahren hatte das Volk diesen Tag nicht mit solchem Eifer und so fröhlichen Herzens gefeiert wie heute.