„Bin ich doch Zahlmeister gewesen!“ lächelte Signor Tito Titinio Raffa. „Erzürnet euch nicht, wir haben es auch nie anders gehalten. Cospetto, wünsch’ euch aus vollem Herzen, daß ihr euren Wunsch durchsetzen möget. Der Herr Turennius mit Eisen und Stahl am Rheinstrom, und der klingende französische Sack in Stockholm werden wohl nach Kräften dazu helfen; aber — aber nehmet euch in acht, daß euch der Brandenburger nicht doch die Karten aus der Hand schlage.“
„Er wird es wohl nicht,“ meinte Rolf bärbeißig.
„Will es euch wünschen; aber — aber saget doch: mit dem Herrn Feldmarschall Karolo Gustavo Wrangelio, dessen Bild und eisern Gastgeschenk da draußen aufgehängt ist, seid ihr vordem hierher gekommen?“
„Mit demselbigen!“
„Nun denn; wenn ihr heut’ Abend noch von hier abreiset, so trefft ihr ihn vielleicht schon auf dem Marsche nach Berlin“.
„Vivat! es lebe der Held aus Mitternacht!“ schrie der Korporal Sven, der bis jetzt mit immer steigender Verwunderung von einem der beiden Politiker auf den anderen gesehen hatte und nur mit Mühe den Sprüngen ihrer Unterhaltung gefolgt war. Jetzo aber war es ihm auf einmal ganz klar geworden, wie viel Welthistoria er im Bann und Dienste der Frau Wirtin zur Taube in Alberschwende und bei seinen Kühen und Geißen auf der Lorena versäumt habe.
„Schulterts Gewehr! An die Piken! Aufgesessen, Kürassiers und Dragoner!“ brüllte er und fügte in leiserem Ton hinzu: „Aber es gehet mir auf wie ein Nordlicht, daß ich schon einmal dabei gewesen bin mit den Brandenburgern, und damals war’s nichts Großes, und wir lachten auch allsamt über den Spaß. Ja, es war Anno Einunddreißig, Korporal Rolf, ihr wisset, als auch wir zuerst auf Berlin marschierten, fünfzehnhundert Mann zu Fuß und zu Pferde mit dem Könige und vier Kanonen. Wir kamen von Köpenik, allwo das große Lager war, und hatten unsere Lust mit dem damaligen Kurfürsten Georg Wilhelm und seiner Kurfürstin. Sie handelten mit uns bis zum letzten Augenblick und kamen zum Vergleich erst, als die Konstabler die Lunte aufschlagen wollten, um ihnen das Verständnis zu wecken. Ja wohl, jetzt fällt es mir genau bei. Sie gaben uns nach endlich abgeschlossenem Pakt das Geleit vor die Stadt, und da wollten ihnen beim Abschied königliche Majestät doch noch eine unverdiente Ehre antun und ließen eine Generalsalve geben aus großem und kleinem Gewehr. Das war der Spaß! Der Feuerwerker hatte vergessen, das Geschütz von der Stadt abzurichten, und weil wir zuerst als Feinde gekommen waren, so schossen wir nun auch als Freunde scharf und deckten ihnen ganz ohne bösen Willen die Dächer ab. Das gab denn freilich ein groß’ Geschrei der Damens, und königlicher Majestät war’s sehr unangenehm.“
„Ich war nicht dabei, Korporal Sven,“ sprach der Korporal Rolf, „ich stand damals in Köpenik mit der Hauptmacht. Aber die Sache ist so, und zu viel ist da auch niemandem geschehen; denn während wir ihnen nur ein paar lumpige Schindeldächer abdeckten, deckte uns der alte Korporal, der Tilly, die ganze Stadt Magdeburg ab. Der Gustavus Adolfus hat es dem Brandenburger nie vergeben.“
„Das sind alles alte Geschichten,“ meinte der Signor Raffa gähnend. „Auch ist es nicht weit von Mitternacht, und morgen früh reis’ ich zurück nach Augsburg, sintemalen niemand der hiesigen Barbaren, weder Mann noch Weib, ein Gelüst zeigt, die bella lingua toscana zu erlernen. Cospetto, um nichts Ärgeres zu sagen! Die Herren und Kameraden mögen einen guten Schlaf tun; — es war mir ein’ groß’ Ehr’ und Vergnüg’, mit meiner angenehm’ Konversatione aufzuwarten.“
„Möge dem Herrn unsere schlechte Gesellschaft gleichfalls gefallen haben,“ sprach der Korporal Rolf, während der Korporal Sven stumm, aber mit militärischem Anstand salutierte. Die Schenkstube der Krone hatte sich allmählich mit Gästen sehr gefüllt; aber die drei Kriegsmänner hatten wenig davon gemerkt und gar nicht sich darum gekümmert. Sven und Rolf verwunderten sich dann erst darüber, als der Zahlmeister vom Regiment Strozzi zierlich Abschied genommen hatte.