„Es ist aus, Rolf Kok! Sie haben dich mit dem Obristen tot oder lebendig!“ rief er jammernd und jagte weiter. Unschlüssig, ob er sich gegen Havelberg zum Feldmarschall Karl Gustav oder gegen Pritzerbe zu dessen Stiefbruder, dem Grafen Waldemar, wenden solle, jagte er fürs erste gradaus in die lieblichen Sümpfe und Heiden der wackern Mark Brandenburg hinein, im Sinn und Ohr verfolgt von einem ganz andern Klingen, als dem melodischen Läuten der Kuhglocken im Lande vor dem Arlberg und dem ermutigenden Wort der Taubenwirtin zu Alberschwende: „He, Korporal, sing’!“

Das waren eilige Tage, und nimmer ist in der Welt so scharf geritten worden, wie in diesem Juni des Jahres 1675 in der Mark, sowohl vom Kurhut Brandenburg als auch von der Krone Schweden!

Neun Tage schon hatte die kurfürstliche Kavallerie nicht abgesattelt, und nun sprangen auf die Kunde von der Einnahme von Rathenow, im jähen Schreck und aller Verstörung, auch die schwedischen Herren in die Sättel. Von Havelberg brach eilends der Feldmarschall Wrangel auf; von Brandenburg und Pritzerbe sein Stiefbruder. In aller Hast ging der Marsch der beiden so unvorsichtig geteilten Heeresflügel, ein spitzwinkelig Dreieck durch Bruch, Moor, Heide und Kieferwald ziehend, auf den durch alte Schlachten berühmten Kremmerdamm zu, um eine Vereinigung daselbst herzustellen und, was noch zu retten war, vor dem zornigen Hausherrn zu retten, ehe Kur fürstliche Durchlaucht, die in der Mitte der beiden Schenkel dieses Dreiecks gradaus ebenfalls einen Strich auf Fehrbellin zogen, den ungebetenen Gästen auch da an der Tür aufwarteten.

Drei Tage ritten sie noch, da trafen sie zusammen, und geschah die wundervolle Schlacht, die wir leider hier nicht zu beschreiben haben: unsere Aufgabe ist es, uns nach dem tapfern Korporal Rolf Rolfson Kok umzutun und zu erkunden, wie es ihm zu Hause weiter erging.

Wir haben gesehen, wie auch er sich eilends aufmachte, als er die Ankunft der Brandenburger in Erfahrung gebracht hatte. Obgleich ihn mehr als sechzigjährige Beine trugen, so beflügelte die Vorstellung, daß der Generalfeldmarschall Derfflinger mit seinen neunundsechzig Jahren hinter ihm sei, seine Schritte auf den Havelbrücken nicht wenig, und er kam richtig noch vor dem alten Herrn in der Stadt Rathenow an.

„Alarm! Alarm! Feindio! Feindio!“

Ach, der Korporal Rolf Rolfson Kok hatte leider bei seinem Ruf zu den Waffen nicht auf den Herrn Landrat von Briest gerechnet. Der hatte nämlich in Erwartung der Dinge, welche von Südwesten her kommen sollten, seinen schwedischen Gästen eine große Bewillkommungsfestivität zurecht gemacht, den Offizieren selber und mit Beihilfe eines löblichen Magistrates zugetrunken und auch der gemeinen Sol dateska durch gemeine Bürgerschaft auf seine Kosten wacker zutrinken lassen. Die Folge davon war, daß die Brandenburger, als sie unter dem Derfflinger und dem Prinzen mit dem silbernen Bein, dem Prinzen von Hamburg, eindrangen, die meisten der Helden aus Mitternacht im tiefsten Rausch und süßesten Schlummer vorfanden und sie somit ohne viele Mühe totschlagen konnten. Die, welche etwas bei Besinnung waren, wehrten sich freilich tapfer genug in den Gassen und auf und an den alten, morschen, mittelalterlichen Mauern und Toren; allein auch sie wurden mit verhältnismäßig geringer Mühe niedergemacht oder gefangen. Von den sechs Kompagnieen, die mit dem Obristen von Wangelin in Rathenow eingerückt waren, rettete höchstens ein Dutzend Leute das Leben und die Freiheit, und unter diesen vom Glück Begünstigten befand sich gottlob auch unser guter Freund, der Korporal Rolf. Wie der Korporal Sven an der Böschung des Haveldammes, so glitt er an Wall und Mauer der Stadt Rathenow hinunter, fiel, von Fortuna noch einmal in Schutz genommen, auf ein ledig Reiterpferd des Herrn Obristleutnants Kanne und galloppierte nunmehr gleichfalls, und ebenso betäubt und schwindelnd wie der Kamerad, in den Morgen und in die Mark Brandenburg hinein.

12.

Am siebenzehnten Juni alten und siebenundzwanzigsten neuen Stils, nachdem am Tage vorher der Schwed’ im Zug auf Nauen gesehen worden war, regnete es schlimm, obgleich es am folgenden glorreichen Tage, solange die Schlacht dauerte, noch viel schlimmer regnete. Was aber die Sümpfe zwischen der Havel und dem Rhin bei anhaltendem Regen zu bedeuten haben, das erprobe ein jeglicher, der Lust dazu hat, selber und lobe nachher seine Erfahrungen, wann er wieder im Trockenen sitzt!

Und von der Havel bis zum Rhin ritten bereits seit dem sechzehnten die Streifparteien der beiden schwedischen Heeresteile und der vorwärts drängenden Brandenburger gegeneinander und umeinander herum, während überall das aufgeregte, wütende Landvolk mit allerhand Gewehr und Gewaffen der Not auf den Beinen war: kurz, es war ein schwer Durchkommen selbst für zwei alte Korporale des Königs Gustav Adolf, die dem Überfall von Rathenow entwischten und nun die ihrigen suchten, ein jeglicher bis jetzt noch für sich allein.