„Wenn mir heute einer sagte, daß ich einmal Hafenvogt zu Lindau im Bodensee gewesen sei, so schlüge ich ihm die Zähne in den Hals hinein, so wenig glaube ich dran“, brummte der Korporal Rolf Rolfson Kok, indem er am 17. Juni am Spätnachmittag zum dritten Mal seit der letzten Viertelstunde vor einem neuen Sumpfe vom Pferd stieg, um das Terrain als vorsichtiger Mann zu untersuchen, bevor er sich ihm mit seinem ermüdeten Gaul anvertraute, nachdem er wieder einmal mit Mühe einer nachsetzenden Patrouille des Herrn Generalmajors Lüdecke entgangen war. Ritterlich hatte er einen seiner Verfolger erlegt und dadurch den Jagdeifer der übrigen ungemein erhöht; allein einen einzelnen Mann zu jagen, lohnte sich heute eigentlich unter keinen Umständen, und so hatten die kurfürstlichen Kürassiere zuletzt doch in einem Kieferngehölze die Verfolgung aufgegeben, und der Korporal Rolf stak naß, triefend, hungrig und durstig zwischen Sumpf und Moor und suchte vorsichtig, wie wir gesagt haben, einen Übergang gen Nordost. Das war keine geringe Aufgabe, und mit steigendem Verdruß tastete und platschte er und rettete sich von neuem auf festeren Grund, bis er endlich eine Art von Fußpfad durch das tröpfelnde Gebüsch fand und ihn behutsam beschritt, seinen abgehetzten Gaul am Zügel hinter sich drein ziehend. Immerfort mit sich selber redend, oder vielmehr in den Bart brummend, tappte er zu; aber schon nach zehn Minuten hielt er horchend von neuem an; denn plötzlich vernahm er vor sich aus dem Dickicht ein Schnauben und Stampfen, vermischt mit lauten und halblauten Schimpfworten und Verwünschungen, die sämtlich nicht auf dem märkischen Boden gewachsen waren. Der Korporal Rolf stand und horchte atemlos. Derjenige, welcher dort hinter den Rüstern, wie es schien, gleichfalls im Sumpfe feststeckte, verwünschte sein Schicksal in schwedischer Zunge, und nachdem der vormalige Hafenwärtel der freien Reichsstadt Lindau nochmals die Hand hinter das Ohr gehalten hatte, schrie er:

„Vivat Schweden! Ich komme, Kamerad!“ und drang mutvoll tiefer in das Moor ein, den kläglichen und verdrießlichen Kundgebungen nach.

Aus dem Gebüsche hatte ihm ein Gegenruf geantwortet und der erboste Wunsch: wenn der Kamerad wirklich ein gutes schwedisches Herz habe, so möge er eiligst kommen, es sei Not vorhanden. Der Korporal Rolf hatte geantwortet: „Hier auch!“ war aber doch drauf losmarschiert, und wieder nach einigem beschwerlichen Durchwinden drang er aus dem Gebüsch hervor und hatte das Schauspiel, das er erwartete, vor sich, wie er es sich vorgestellt hatte.

Ein großes Gestampf und Geplatsch im Moor und Röhricht, — zerstampfte Binsen und Gesträuche, — ein halb versunken Roß, und darauf ein rotlockiger, schwedischer Reitersmann, mohrenfarbig vom Sumpfwasser, — triefend wie alles umher vom Regen, — und dem gänzlichen Versinken in die schlammige Tiefe nahe!

„Wenn es mein leiblicher Vater wär’, so würde ich ihn nicht in dem Kerl erkennen!“ murrte der Korporal Rolf; dagegen erkannte der Mensch im Röhricht den Korporal Rolf und schrie:

„Alle guten und bösen Geister — bist du es, Rolf Rolfson Kok? O, du himmlische Güte, kommen wir wirklich noch einmal zusammen auf dieser niederträchtigen Welt? Ich bin es, Wachtkommandant! Kennt ihr mich nicht? Ja, Herzbruder, meine eigene Mutter möcht’ mich wohl nach einem solchen Ritt und in solcher Farb’ und Zerzausung nicht erkennen!“

„Sven Knäckabröd?! Sven, Sven?“ schrie der andere. „Hat dich der Derfflinger nicht ganz und vollständig geholt? Das ist freilich bei allem Elend das beste Abenteuer, was mir noch zu Teil werden konnte. So schickt sich alles, und darum bin ich vorgestern von der Rathenower Stadtmauer auf einen brandenburgischen Profossengaul gefallen, um dir heute hier aus dem Malheur helfen zu können! Halt’ gut, noch einen Augenblick halt’ den Kopf über dem Wasser, Sven! gleich hab’ ich dich auf dem Trockenen, soweit es bei diesem Regen von oben und diesem Morast von unten zu machen ist.“

Er hatte sofort nach dem Bündel Hanfstricke, welches von dem Sattelknopf seines Vorgängers in eben diesem Sattel herabhing, und für die Hälse der Marodeurs, Spione und sonstigen soldatischen Übeltäter beider Heere bestimmt war, gegriffen, es heruntergerissen und auseinandergewickelt. Mit vielem Geschick verknüpfte er die einzelnen Stricke miteinander und hatte bereits im nächsten Augenblick dem armen Korporal Sven Knudson Knäckabröd ein tüchtig und haltbar Seil zugeworfen; — nicht um ihn damit in die Ewigkeit hineinzubefördern, sondern um ihn so sanft als möglich aus dem Sumpfe der Mark Brandenburg hervorzuziehen. Nach einem ängstlichen und schweißtriefenden Abzappeln von einer Viertelstunde waren beide gerettet — der Korporal Sven wie sein Roß — und standen beide keuchend und schnaufend am Rande des verräterischen, grün überwachsenen Schlammes. Selbst der Frau Fortunata Madlener hatte Sven Knudson Knäckabröd, als er nach der Schlacht am roten Egg unter ihrer Pflege erwachte, nicht so zärtlich die Hand geschüttelt, wie er sie jetzt dem guten Kameraden aus der Krone zu Lindau schüttelte.

„Und nun, Bruder Sven, wie ist dir außerdem, daß du aussiehst wie ein Mohrenpauker bei einer Leibtrabantengarde?“ fragte der Korporal Rolf.

„Danke für die Nachfrage! Dumm, leer im Magen und jammerhaft im Sinn, Rolf Kok. Ach, Rolf Rolfson Kok, schauderhaft verbiestert!“