Näher und näher erscholl’s, je weiter die beiden Korporale vorwärts drangen, und als sie endlich den Wald sich lichten sahen, da erblickten sie schon zwischen den letzten Kiefernstämmen den Grund des Getöses, und als sie hervorritten aus der Dämmerung des Gehölzes, da spielte das große, aber schreckliche Schauspiel auf Entfernung von einigen hundert Schritten vor ihren Augen sich ab!

In der graufahlen Beleuchtung des abendlichen Regenhimmels dehnten sich die großen Sümpfe, das Havelland-Luch — und durch das Luch zog sich der schmale Damm, und auf demselben, so weit das Auge reichte, von einem Horizont zum andern, wälzte sich der schwedische Rückzug. Reiterei und Fußvolk, Geschütz, Bagage, Weiber und Schlachtvieh durcheinander, im wirren grausigen Getümmel vorüber; fern im Süd’ aber klang und donnerte das Gefecht der Nachhut. Die Brandenburger taten dort ihr Möglichstes, den Schrecken und die Verwirrung in den Gliedern des Feindes zu erhalten und den Kehraus nach besten Kräften vorzunehmen.

Wie zwei Bildsäulen saßen die zwei alten Kriegsgenossen des großen Königs Gustav Adolf auf ihren Pferden und starrten auf das erstaunliche Spektakel. Hunger, Durst und Ermüdung waren vollständig vergessen. Für sich und an sich selber fühlten sie nichts mehr. Sie starrten — stierten — und dann nickten sie beide zu gleicher Zeit mit den Köpfen, und dann — rollten wirklich ihnen die Tränen hell aus den Augen und verloren sich mit den ihnen ins Gesicht schlagenden Regentropfen in den weißen Bärten — —

„O Sven“, stöhnte endlich Rolf Kok, „sind wir darum so weit hergekommen? Sind wir darum aus dem Schlaf auferwecket, um das zu erleben? O Sven, o Sven, es ist aus mit uns, und ich wollte, der Herrgott hätte uns in unserer Versprengung belassen und uns nicht das Herz erregt durcheinander und durch den welschen Signor Tito Titinio Raffa, oder wie er hieß, der Ruffian!“

„Ich wollt’ es auch, Rolf“, seufzte der Korporal Sven Knudson Knäckabröd. „Auf mich und dich kommt es wohl nicht an, und was wir darüber denken, ist auch gleichgültig: aber daß dieses dem Karl Gustav, dem gewaltigen Konnetable Wrangel passieren muß, das ist das Elend! Sieh, und da sind die Kürassiers von Wachtmeisters Regiment. Da sieh nur, wie die Schufte in den Sätteln hängen und wie reitende Feldhasen über die Schultern gucken. Und das trägt Harnisch und Schwert! Da, da — sieh — da drängen sie sich gar gegenseitig von der Straße, um nur ja die eigene Schande unversehrt in Sicherheit zu bringen! Ach Schweden, Schweden, an manchem Sommerabende hab’ ich dich über die Berge und den See weg gesehen, sitzend wie eine Königin in Purpur. Da hab’ ich mein Heimweh stillen müssen, und nun sehe ich dich als ein Bettelweib, wie mit dem Knüttel aus einem fremden Hause gejagt! Was sagst du, Bruder? Ich sage, wir reiten nun eben mit bis zum Ende.“

„Wir reiten mit bis zum Ende!“ rief der Korporal Rolf Kok, und blind trieben die beiden tapferen Grauköpfe unter den letzten Bäumen und aus dem letzten Gestrüpp des Waldes ihre Rosse mit wilden Sporenstößen hervor und hinab in den Sumpf, der sie von dem berühmten Damme trennte. Ihr Fatum aber schien sie wirklich bis zum Schlusse der Tragödia mitspielen lassen zu wollen. Der Sumpf verschlang sie nicht, sie erreichten den betrüblichen Strom von Menschen und Vieh, der in dem dunkelnden Abend durch die verregnete Mark heranwogte, und so wurden sie fortgerissen und fortgewirbelt — zwei Tropfen in der kläglichen Flut der schwedischen Retraite, — fortgewirbelt, dem Rhin entgegen.

13.

Der Herbst des Jahres 1675 war gekommen, lachend wie ein rechter Bruder des Frühlings. Im weichverschleierten Sonnenlicht lag die Rheintalebene zwischen den Bergen des Bregenzerwaldes und den Bergen von St. Gallen und Appenzell. Lachend tanzte der junge Fluß dem Bodensee zu, als ob er nie Felsentrümmer und Hochwaldsbäume vor sich hergeschleudert, als ob er nie die Felder und Wiesen schwerarbeitender Menschen mit haushohem Schlamm und wüstem Steingeröll bedeckt habe; oder als ob er doch wenigstens die Absicht habe, von jetzt an es nicht wieder zu tun.

Es war ein Sonntag in den letzten Tagen des Septembers. In jeder Schenke am Wege klang die Fiedel. Von der Höhe des Steusberges glänzten hell und weiß die Türme von Maria-Bildstein herab; es war auch ein Wallfahrtstag zu Maria-Bildstein, und alle Wege weit umher waren mit den bunten Gruppen der frommen Christen und Christinnen bedeckt, die entweder noch zum Gebet auf der Höhe emporstiegen, oder bereits wieder herunter und hinab in das irdische Jubelgetümmel.

Zu Schwarzach im Löwen herrschte vor allem ein lustiges Leben; aber da das muntere Treiben, hier wie in jeder andern Schenke, sich wenig von dem zu Anfang dieser ziemlich historischen Geschichte beim Geburtstagsfeste des heiligen Gebhard geschilderten unterschied, so haben wir nicht nötig, uns an dieser Stelle auf eine abermalige Beschreibung einzulassen. Wir haben Sonderbareres zu berichten.