Den ganzen Morgen hindurch hatte unter den Kastanienbäumen vor dem Wirtshause zum Engel an der Achbrücke bei Oberrieden ein Mann gesessen, der, ein wenig scheu, einen gewaltigen Durst zu löschen hatte, und der jetzo langsamen und müden Schrittes durch das Dorf Schwarzach zog und, dem Anschein nach, auch auf dem Wege am liebsten niemandem ins Gesicht gesehen haben würde.
Es war ein alter, weißköpfiger, gebückter Mensch, der schwerfällig auftrat und seinen Stab nicht als eine überflüssige Zierde trug und handhabte. Er war bekleidet mit einem abgeblichenen roten Tuchkoller, über dem ein rostig-gelblicher Schimmer lag, als ob sich lange Zeit ein Eisenküraß dran gerieben habe. Er trug ein gelbledern Wehrgehäng, doch fehlte das Schwert; er trug desolate hohe Reiterstiefel, an welchen die Sporen fehlten, und er trug einen breitkrämpigen, an der Seite aufgeschlagenen Filzhut, welchem jedoch Feder und Kokarde ermangelten, der dafür aber mit einigen Rissen und Schrammen, die nur von naher Berührung mit blanken Waffen herrühren konnten, geziert war.
Die Wirtsleute und die Gäste vom Engel an der Ach hatten ihn mit ziemlicher Verwunderung beobachtet, wie er geduckt vor seinem Schoppen saß. Sie hatten natürlicherweise auch mehr als einmal versucht, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen; allein er hatte selbst auf die höflichste Frage nicht Rede und Antwort stehen wollen, sondern nur grimmig in seinen Krug gesehen, oder denselben stumm zu neuer Füllung hingereicht. Kopfschüttelnd hatte das gutmütige Volk ihm nachgeblickt, als er sich endlich, schwer ächzend, erhob, ohne Gruß aus dem Schatten der Bäume fortschritt und weiter marschierte auf dem Wege durch die Felder, Schwarzach zu; und alle, die ihm begegneten, blieben gleichfalls stehen und sahen ihm verwundert und kopfschüttelnd nach. Einige Male sagte auch wohl jemand: „Den sollte ich ja doch kennen!“ aber wohin er ihn tun solle, das wußte er dann doch nicht, und erst, als der Alte auf seinem Marsche durch das große Dorf Schwarzach vor der Tür des Löwen angelangt war, fand sich einer, der es wußte.
Auch hier wollte der Rotrock verstohlen an der entgegengesetzten Seite der Straße vorüberschleichen; allein es sollte ihm nicht gelingen.
„Halt ihn, halt ihn! Bigott, da, da! Er ist es! Halt ihn!“ schrie eine quäkige Stimme aus dem offenen Fenster herab, und rückwärts sich in die Stube wendend, schien der Schreier eine seltsame Neuigkeit dem gedrückt vollen Raume zu verkünden. Es entstand ein gewaltiges Gepolter und Aufstehen, ein lachendes, verwundertes Durcheinander von Stimmen in der Zechstube des Löwen, und hervor aus dem Hause quollen die Gäste, und die Treppe hinunter hüpfte hinkend Meister Macedon Trafojer, ein armselig, halblahm, dürr Schneiderlein, welches von Zeit zu Zeit auch nach Alberschwende auf die Flickarbeit kam und die Frau Fortunata Madlener, sowie ihren Haushalt und ihre Wirtschaft zum Genauesten kannte.
„Er ist es! Da ist er wieder! Halt ihn, halt ihn!“ schrie das heldenmütige Schneiderlein und jagte dem Korporal Sven Knudson Knäckabröd vom Regiment Wangelin-Dragoner einen gewaltigen Schrecken ein, einen panischen Schrecken in der vollsten Bedeutung des Wortes; der Korporal fuhr zusammen, sah auf, sah die Bewegung in der lachenden Gruppe sonntäglich geputzter Gäste auf der Treppe des Löwen, sah aller Blicke auf sich gerichtet, sah den koboldhaften Schneider Macedon im glühenden Eifer, der Frau Fortunata einen Gefallen zu tun, heranspringen und — — — riß aus!
Er lief. Er lief, so schnell ihn die alten, müden Beine tragen wollten, und ihm nach klang es jubelnd, lachend und höhnisch:
„Halt ihn, halt ihn! ’s ist der Schwed’ von Alberschwend’! Halt ihn; die Taubenwirtin hält den, so ihn tot oder lebendig bringt, ein Jahr lang frei in Kost und Getränke!“
Das mochte nun der tapfere Meister Trafojer ganz ernsthaft nehmen; aber die anderen begnügten sich doch mit dem baucherschütternden Hinterdreinlachen und stellten nur verwunderte Fragen über das plötzliche Wiedererscheinen des schwedischen Mannes untereinander. Auch das Schneiderlein mußte in Anbetracht seiner lahmen Füße die Jagd an der nächsten Ecke aufgeben, und nur die Kinder von Schwarzach gaben sie fürs erste noch nicht auf, sondern verfolgten selbstverständlich in hellen Haufen den Mann von der Lorena bis zum Dorfe hinaus, allwo er zuerst den Mut fand, sich zu stellen, und sie mit donnerndem Zornesruf und geschwungenem Stocke zurückzuscheuchen versuchte.
Das gelang ihm aber schlecht. Sie schrieen nur ärger: