Noch sprachen zwar die Bequemsten und Ungläubigsten von ihrem Bette aus: „Der Bub Melchior hat geträumt!“ Allein der Bub Melchior war seiner Sache eben gewiß, und die Frau Fortunata Madlener war um diese Zeit schon — auf dem Marsche zur Lorena empor.

Sie stieg bergan, gestützt, geschoben und gezogen von den stärksten Händen ihres Haushaltes. Aber auch der schwächere Teil ihres Haushaltes stieg mit. Daß die Hunde sich nicht ausschlossen, verstand sich von selber; aber auch das halbe Dorf folgte dem Zuge, und es war freilich ein sonderlicher Zug durch die graue Frühe, über die taufeuchten Halden und durch den noch phantastisch in Wolken und Nebel gehüllten Tannenwald.

„Ich will sanft gegen ihn sein, wie ein eintägig Lämmle“, murmelte die Taubenwirtin. „O, er soll es schon verspüren, wie sanft ich gegen ihn sein will; aber gestehen soll er, wo er sich umgetrieben hat. Was meinst, Aloysle, ob ich es wohl aus ihm herausschmeicheln und streicheln werd’? Ei, er soll sich schon wundern, wie schön man einem solchen, wie er, tut, wann er endlich nach Hause kommt. Ah — oh — uh, den Stein überleb’ ich nicht; stemm’ die Schulter an, Kasperle! Sachte, Fridolin, den Arm braucht er mir nicht ausreißen; — uh — oh — da — jetzt noch einmal zum letzten — da wä—ren — wir — o—ben!“

14.

Aus dem tiefen Schlafe des Korporals Sven war allmählich ein sehr unruhiger geworden. Der Bub hatte die Tür der Hütte offen stehen lassen, und die scharfe Gebirgsluft, die eindrang, mochte wohl mit schuld daran sein, daß sich der Schläfer unruhig hin und her warf; allein an dem kuriosen Traum, den er jetzo träumte, war sie jedenfalls nicht schuld.

Er befand sich mitten im Schlachtgetümmel von Fehrbellin, und sein guter Kamerad, Rolf Rolfson Kok, hielt zehn Schritte von ihm ab in derselben Linie, und er sah ihn dann und wann deutlich durch den Dampf und Regennebel. Sie hatten sich zum letzten Mal gestellt vor dem brandenburgischen Andrang, ehe sie über die pommersche Grenze zurückwichen. Er sah alles wie in einem sich wandelnden Bilde: den weiten Weg von der Havel her, bedeckt mit abgeworfenen Kürassen und Eisenhüten, zerbrochenen Wagen, halb versunkenen Kanonen und Leichen von Mensch und Tier, — und zugleich sah er rundum den letzten Kampf der Trümmer der tapfern Armada des großen Feldmarschalls Wrangel, die letzte Aufstellung hinter der Landwehr zwischen Ribbeck und Hackeberg. Er winselte in seinem Traum; über seinem Haupte flatterten die Standarten des Regiments Dalwig, und er sah sie deutlich mit ihrer goldenen Inschrift: Auro et ferro! Da brauste es heran, und er schrie auf im Traum — um ihn her schwankte und schwirrte es, er lag unter den Hufen der Gäule, der Feind ritt über ihn weg, und da — war er allein auf dem Felde mit dem guten Kameraden, kniete neben ihm, hielt seinen zerschossenen Kopf im Arme; aber der Korporal Rolf konnte ihm nimmer wieder die Hand drücken und zunicken, der Korporal Rolf war tot und nun freilich zu Hause angelangt nach so langem, beschwerlichem Marsche.

Wie war denn das? der Traum verwirrte alles zu sonderbar! Nun war der Korporal Rolf wieder nicht tot, sondern der Korporal Sven erblickte ihn in einem betrüblichen Zuge eiliger Männer, die mit einer Sänfte fliehend über graue Heidehügel dahinzogen. In der Ferne lag es noch grauer — aber das regte sich und bewegte sich — die See dehnte sich dorten, und große Orlogschiffe unter schwedischer Kriegsflagge kreuzten hin und wieder. Aber aus der Sänfte beugte sich ein verwelkt, kummervoll Greisengesicht, — das war der glorreiche, sieghafte Feldherr Karolus Gustavus Wrangel selber, den der Korporal Sven schon als junger Mensch gekannt hatte in allem Glanz und Triumph. Der Korporal Rolf war aber doch tot; denn wie er neben der Sänfte des Generals einherschritt, zog er plötzlich den Reiterhandschuh ab und legte eine fleischentblößte Faust, die Hand eines Gerippes, auf den Fensterrand. Da schwankte und schwirrte es wieder um den ächzenden Sven Knudson Knäckabröd. Die Wolken zogen sich zusammen und stiegen nieder, aber des Meeres Horizont stieg immer höher auf, immer dunkler, schwärzer. Und aus den Wassern wurden steinerne, graue Mauern, die Mauern eines alten, festen schwedischen Schlosses; — der Korporal Sven stand unter einer großen Menge bewaffneter Männer in einem düstern Saal, und in der Mitte des Saales stand ein Block und daneben ein Mann in schwarzem Kleide und Mantel. Es kniete aber ein anderer Mann vor dem Block, und wieder ein anderer hatte ihm sanft auf die Knie nieder geholfen; — beide waren alt, sehr alt, und beide waren auch Kameraden seit langen, langen Jahren: der mächtige Konnetable Wrangel und der brave Korporal Rolf Rolfson Kok. Der Mann im schwarzen Kleid hob sein mächtig Beil und schlug — — da mußte der Korporal Sven Knudson Knäckabröd in der Sennhütte auf der Lorena freilich wohl erwachen, denn sie schüttelten ihn, die Leute von Alberschwende, und vor allen anderen schüttelte ihn derb die tapfere Freundin, Frau Fortunata Madlener, die Wirtin zur Taube in Alberschwende, und der alte heimgekehrte Sünder saß aufrecht auf seinem Strohsack und sah sich verstört und blinzelnd um!

Natürlich, nachdem sie ihn nach Herzenslust und Bedürfnis abgeschüttelt hatten, überschwemmten sie ihn mit einer Flut von Fragen! Er aber brauchte längere Zeit, um ihnen alles mitzuteilen, was sie, nicht ohne eine Berechtigung, zu wissen verlangten. Er hatte für manchen Winterabend, wenn der Schnee erst bis zum Dachrande hinauflag, genug erlebt: wir jedoch haben hier uns an das Zunächstliegende zu halten.

„Wo will er gewesen sein, er Landläufer?“ schrie die tapfere Wirtin zur Taube. „Saget es noch einmal und lüget nicht, Schwen; — ihr kennet mich und werdet nicht verlangen, daß ich in dieser Stunde Spaß verstehen soll.“

„Auf Ehre und Gewissen, Frau Fortuna“, ächzte der Korporal. „Am Rhin war ich — zu Hause war ich — bei den Fahnen, bei dem Feldmarschall — ja, auf Ehr’ und Gewissen.“