„Schwen, Schwen, ihr lügt, wie ihr es weder vor unseren katholischen noch euren lutherischen lieben Heiligen verantworten könnet. Stellt ihr euch auf die Zehen, so könnet ihr den Rhin aus dem Graubündnerland herfließen und in den See gehen sehen: hab’ ich euch nicht auf sechs Meilen in die Rund’ suchen und aufbieten lassen? Wie wollt’ ich euch nicht gefunden haben, wenn ihr nur am Rhi’ die Straßen und die Wirtshäuser unsicher gemacht hättet! Schämet euch, schämet euch, Schwen; das hat niemand vor dem Arlberg um euch verdienet, und ich am wenigsten! O Schwen, hab’ ich euch darum an die dreißig Jahre wie meinen Bruder, wie meinen Sohn, wie meinen allerbesten Freund gehalten?“

„Bei meiner Ehr’ und Gewissen, Frau; sie nannten im Generalstab das Wasser, wo wir die schlimmen Schläge kriegten, den Rhin. O, nun lasset mich ausschlafen; nachher will ich euch gern auf alles des Ferneren dienen. Nimmer in meinem Leben bin ich so gelaufen, und hab’ so mächtig Herzeleid erlitten, wie in diesem Jahr. Ich habe sie liegen sehen im Sumpf und auf den Sandhügeln zu Tausenden, und ich hab’ sie in heller Flucht gesehen, daß ich blutige Tränen wein’, im Wachen und im Schlafe.“

„Wen habet ihr liegen und auf der Flucht gesehen?“

„Uns — die wir den Sieg behalten hatten vom ersten Sprung auf den deutschen Boden an — Nördlingen ausgenommen.“

„Und wer, saget ihr, hat euch niedergeleget?“

„Der Brandenburger, Frau. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm, der Fürst von Homburg mit dem silbernen Bein, und der Derfflinger, Frau. Ja, da möcht’ ich wahrlich wohl lügen, wenn es anginge! Die Brandenburger haben das Feld behalten.“

„Sehet ihr, Schwen, da habe ich euch schon! Eine solche Völkerschaft, als ihr da nennet, gibt es gar nicht! Nun verantwortet euch noch einmal vor Gott und den Menschen; da vor der Aloysia, und vor den Kindern drunten im Ort, die sich nach euch schier die Augen aus dem Kopfe gegreint haben.“

„Frau, bringet mich nicht auch zum Greinen! Ach, ich wollte, ihr könntet den Wrangel fragen, dem würdet ihr ja wohl glauben; denn er war ja hier bei euch Anno siebenundvierzig. Wisset ihr nicht, wie er Bregenz da unten nahm, und wie wir über den Pfänder aus purem Übermut zu euch auf Besuch kamen, und wie ihr uns so übel aufnahmet am roten Egg?! O Frau Fortuna, jetzo lieget der Wrangel tief zu Boden; und obgleich euch die Geschichte dort bei Fehrbellin nicht so nah’ auf die Haut brennt, als der Bregenzer Sturm, so möget ihr wohl noch ärger Viktoria schreien, als damals am Fallenbach über unseren blutigen Leibern. Auf Ehr’ und Gewissen, Frau Fortuna, die Brandenburger haben den großmächtigen Konnetable Wrangel niedergeleget in dem Rhinluch, und der Generalfeldmarschall Derfflinger hat über mich gelacht nach der Schlachtung und mich aus Spaß ranzionieret auf dem Markte zu Fehrbellin, als ich mich bei ihm bedankte, weilen er mich auf der Rathenower Brück’ nur mit der Faust traktierete. Er hat mir auch sechs Brandenburger Taler aus Generosität geschenkt, damit bin ich heimkommen zu euch; — ach Gott! ohne den Rolf, den tapfern Herzbruder, den Korporal Rolf Rolfson Kok, den die Spießbürger zu Lindau das Gockele nannten und zum Hafenvogt gemacht hatten, weil sie nicht wußten, was er wert war. Ach Gott, wir haben ja beid’ zusammen das Heimweh zu Lindau in der Krone gekriegt; aber ich allein bin zurückkommen von unserem Marsche zu den Fahnen; — der gute Korporal Rolf Rolfson Kok, der liegt verscharrt an der Landwehr bei Hackeberg.“

Die alte Taubenwirtin und Oberkommandantin vom Fallenbach schüttelte bedenklicher denn je den Kopf:

„Jetzt wär’s mir am End’ gar noch ein Gaudium, wenn ich ihm glauben dürft’“, murmelte sie. „Als wir um die Weihnacht sechsundvierzig allhier bei Tag und Nacht zu Haufen standen und bei Tage den Rauch, bei Nacht den roten Feuerschein rund um den See sahen, da war’s ja freilich der Wrangel der uns die grausame Angst, das Zittern und Beben schuf. Schwen, Schwen, euch traue ich noch lange nicht; aber wenn das wahr wär’ mit dem Wrangel — — — Schwen, ich sage euch, ich erfahr’ es noch, ob es wahr ist, daß es solch’ ein Volksspiel gibt, von welchem ihr gelogen habt und was euch eure Sünden so derb heimzahlte! Ich erfahr’ es, und nachher wollen wir weiter sehen.“