„Geträumt habe ich es nicht, Frau, verlasset euch drauf; obgleich es mir jetzo wahrlich so zu Mute sein könnt’, als sei das alles, was ich erleben mußte auf dem Marsche, nur das Gespinste einer boshaftigen Trold gewesen, so sie mir nächtlicher Weile über den Kopf und das Hirn geworfen hätt’. Ich hab’ wahrhaftig nicht gewußt, wie weit ich von euch und der Aloysia und den Kindern abkäm’, als ich euch vor’m Jahr auf dem Gebhardsberg bei den Gevatterinnen ließ und allein meines Weges am See hin lustwandeln ging! Ich konnt’ es doch sicherlich nicht wissen, wer zu Lindau auf der Hafenmauer sechsundzwanzig Jahre lang auf mich wartete! Und dann — dann war da die Krone, und der vom Regiment Strozzi, der Titinio Raffa, und die Kugel — unsere Kugel am Gebälk, und das Bildnis des Feldmarschalls — unseres Feldherrn! Saget selber, wie weit wäret ihr gelaufen, Frau Fortunata, wenn euch das Heimweh also ans Herz gegriffen hätt’? Und saget, bin ich nicht um euch heimkommen, als alles aus war, in alter Freundschaft und Dankbarkeit?“
„Nun soll ich ihm gar noch eins drauf zu gute tun“, sprach die Frau Wirtin zur Taube, aber der Korporal Sven Knudson Knäckabröd faßte jetzt plötzlich ihre Hand, schüttelte sie wacker und rief:
„So ist es, und es wird das Beste sein. Und Frau — es ist doch ein Vergnügen, euch allda so dick und stattlich sitzen zu sehen, und jetzo — saget, wie ist es denn euch ergangen in dem Jahre, wo ich mit dem armen Korporal Rolf auf dem Marsche nach Hause war?“
„Lieber Himmel, Schwen, bei uns hier im Walde ist noch alles beim alten. Seit wir Anno siebenundvierzig gegen euch auszogen, hab’ ich nichts von Merkwürdigkeiten erlebt, als heut’ eure verwunderliche Historie. Nach dem andern müßt ihr die Aloysia und die Kinderle fragen, und — na — weil es denn eben so ist, und ich es doch nicht ändern kann, so — grüeß di Gott daheim, du alter Schwed’! “
Signet der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
Fritz Reuter: Woans ick tau’ne Fru kamm.
Mit freundlicher Erlaubnis der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus dem 3. Bande der „Sämmtlichen Werke“ von Fritz Reuter (Wismar: Verlag der Hinstorffschen Hofbuchhandlung, 1902). Woans ick tau ’ne Fru kamm.[1]
Nah de Hochtid[2] hett ’t en Enn’;[3]
Vör de Hochtid möst du s’ wenn’n.[4]
Ick was mit de Wil[5] en ollen Knaw’[6] worden, ick was in de Welt ’rümme schält[7] worden, hir hen un dor hen, ick hadd minen Kopp[8] männigmal[9] up en weiken Pähl[10] leggt[11] un männigmal up en Bund Arwtstroh;[12] äwer as ick öller[13] würd, geföll[14] mi dat Arwtstroh lang’ nich mihr so gaud[15] as in mine twintiger Johren,[16] denn wer in sin Kinnerjohren girn gele Wörteln ett,[17] versmad’t[18] dorüm in sinen Öller[19] grad keinen Gaus’braden.[20] — De Lüd’ säden:[21] „Frigen“,[22] un ick säd: „Bedenken“, un gung[23] üm den heiligen Ehestand herümmer, as de Voß[24] üm de Gaus’bucht,[25] un dacht: „Hewwen müggst[26] du woll ein’! ’Rin kümmst[27] du dor sacht ok![28] äwer wenn du s’ di irst[29] upsackt[30] hest, kümmst du denn[31] ok wedder ’rute?“[32] — Wenn ick denn äwer wedder an den Gastwirt sinen ewigen Swin- un Hamel-Braden[33] dacht, un dat dat in mine Stuw’[34] utsach,[35] as up de leiwe[36] Gottesird’[37] vör den irsten[38] Schöpfungsdag, un dat mi de ein oll ßackermentsche Knop[39] ümmer afret,[40] denn säd ick: „Frigen“, un denn säden de dummen Lüd’ wedder: „Bedenken“. So satt[41] ick denn ümmer twischen Bom un Bork;[42] un de bedenklichen Johren fungen all an,[43] mi gris[44] äwer den Kopp tau wassen,[45] dunn stah[46] ick mal an ’n Aben[47] un heww mi ’ne Pip[48] Tobak anstickt[49] un kik[50] in ’t Weder.[51]