Und ich las mit gütiger Erlaubnis der Freundin des Fräulein Emma von Kanten ein paar Verse vor, und sämtliche Anwesende vereinten sich mit mir in der Ansicht, daß niemals unbedeutendere Worte zu überflüssigeren Versen verarbeitet worden wären. Selbst Fräulein von Kanten betonte besonders scharf, daß sie mir in diesem Falle Recht geben müsse; die Gedichte wären doch zu ungewöhnlich gewöhnlich. — Mir ward etwas unbehaglich zu Mute, als meine Exfreundin sich so kampflustig an meine Seite stellte.

„Also, meine Herrschaften,“ ergriff nun mit erhobener Stimme Frau Emerich das Wort, „dieser Mann, der selber so hoch steht in der Meinung der literarischen Welt, und der so verächtlich von unserem Frauengeiste spricht — er behauptet, daß das Weib, welches diese Verse gemacht, kein Dichter sei und es nie werden könne?!“

„Das behaupte ich.“

„Nun denn — das Weib, welches diese Verse gedichtet hat — ist — dieser Mann!“

Frau Emerich hatte sich bei diesen Worten hoch aufgerichtet und streckte ihren Arm gegen mich aus, als wollte sie mich auch körperlich zu Boden schlagen. Das unheimliche Gefühl, das mich bei der Rede der Dame befallen hatte, steigerte sich um ein Bedeutendes, als jetzt Fräulein Emma von Kanten ebenfalls ein Papier hervorzog, mir dasselbe dicht unter die Augen hielt und ausrief: „Kennen Sie diese Handschrift?“

Ich las dieselben nichtigen Verse von vorhin auf stark vergilbtem Papier in mir unheimlich bekannt scheinenden Schriftzügen.

„Diese Verse,“ wandte sich nun Fräulein von Kanten an die hocherstaunte Gesellschaft, „diese Verse, welche die Tochter meiner Freundin kopiert hat, diese Verse von „so unaussprechlicher Geringwertigkeit“ — hat vor ungefähr 20 Jahren unser großer Kritiker selbst gedichtet. Ich weiß es ganz genau, denn ich kenne die Dame, der er diese — hoffnungslosen Verse gewidmet hat!“

Da war sie wieder, die Nemesis — die erbarmungslose Nemesis!

Ich war ein wenig in den Schaukelstuhl zurückgesunken — ich schlug die Augen nieder vor all den lachenden Mienen und spöttischen Blicken. Nur auf dem Antlitz meiner liebenswürdigen Wirtin sah ich stilles Mitleid.

Endlich erhob ich mich — ein wenig langsam — ein wenig unbeholfen und sagte mit etwas unsicherer Stimme: