„Und nachher, mitten im Mondschein stehend, werden Sie mir weiter von
Ihrer Lebensentwicklung sprechen?“
„Gern, mit Vergnügen, sofort, obgleich es meiner Meinung nach doch eigentlich gar nicht mehr nötig ist. Sehen Sie, Bester, das Faktum steht ebenso fürchterlich wie behaglich fest—der Mond übermannt dann und wann den königlich preußischen Justizbeamten Löhnefinke, und letzterer hat zu guter Letzt selber nicht die geringsten Einwendungen gegen den ihm aufgedrängten Rausch und Taumel zu erheben. Ja, ich habe im deutschen Mondschein auch ein deutsches Mädchen gefunden, mich mit Einwilligung der Eltern desselben demselben verlobt und es später geheiratet. Heute noch befinde ich mich mit Zugabe einer achtzehnjährigen Tochter im unangefochtenen Besitz, und vielleicht kann ich nachher beide Damen Ihnen vorstellen.“
„Also—also Sie laufen wirklich nicht allein—nicht sich selber überlassen hier auf Sylt herum?“
„Keineswegs. Ich wohne mit Weib und Kind dort in Westerland und bin unter ihrer Aufsicht hierher ins Bad gekommen. Was denken Sie auch?“
„Entschuldigen Sie meine törichte Frage, Kollege. Dieses ist ein so wunderbarer Abend, ein so erfreuliches Zusammentreffen, und eine so überinteressante Unterhaltung, daß da alles zu entschuldigen ist.“
„Beruhigen Sie sich nur; wir verstehen uns vollkommen. Auch habe ich Sie schon tagelang, unbemerkt von Ihnen, ins Auge gefaßt; als Mensch fielen Sie mir auf, und den Juristen erkannte ich sofort in Ihnen, und das Schicksal ließ mich vorhin nicht ohne Absicht und vollgütige Berechtigung Ihnen in die Arme rutschen. Wir mußten uns heute abend gegeneinander aussprechen; es gehört mit zur Kur und ist auch zum großen Teil eine Wirkung des Salzwassers. Aber der Mond – ich muß Sie immer von neuem auf diesen herrlichen Mond aufmerksam machen! Ja, ich bin in seinen Banden und werde darin bleiben müssen, bis der Tod mich erlöst. Kollege, durch ihn und mit Beihilfe der gegenwärtigen Zeit und der Weltlage bin ich—der Poet in meiner Familie geworden. Fassen Sie das ganz und begreifen Sie mich ganz, sowohl in meiner Stimmung bei unserem Begegnen am Strande wie in meinem augenblicklichen Geisteszustand.“
Löhnefinke der Poet in seiner Familie! Ich trat mehrere Schritte zurück. Obgleich der tolle Mensch klar wie die Insel Sylt im deutschen Mondenschein vor mir lag, frappierte mich das Wort doch. Es war wie der Kanonenknall, der einen auch frappiert, trotzdem daß man mit dem Lorgnette vor den Augen beobachtete, wie der Kanonier die Lunte anblies.
„Ich, der Erbe so unendlicher Prosa“, fuhr der Kollege fort, „ich bin besiegt von meinem Feinde und ihm jedesmal, wenn er über den Horizont guckt, verfallen trotz allem Gesperr und Gezappel. Ich bin Idealist in der Politik, Dichter in der Führung meines Haushalts. Ich sehe die Zeit kommen, wo ich mein Abrechnungsbuch in Hexametern und Ottave Rime führen werde. Ich schwärme für Gemüt und Gemütlichkeit in den Vorgängen der Stunde, und—Kollege, Kollege!—ich werde von meinen Weibern—meinen Damen nicht verstanden, nicht begriffen. Das ist es, was meine Nerven zerrüttet und mich unter ihrer, meiner Damen, Führung hieher nach Westerland gebracht hat, und jetzt lassen Sie uns gefälligst nach Hause gehen, es wird allmählich sehr kühl.“
Er hatte mich untergefaßt—zärtlichst; und wir wandelten Arm in Arm über die mondbeglänzte Heide von Sylt. Nimmer war ich in meinem Leben mit einem so poetischen preußischen Kreisrichter Hüfte an Hüfte geschritten. Er, dieser exaltierte Kollege, deklamierte laut, immer lauter. Er zeigte eine wahrhaft staunenerregende Belesenheit in deutscher und fremder Lyrik. Gedichte an den Mond wechselten mit Hymnen auf die Freiheit und Schlachtliedern gegen alle möglichen und unmöglichen Feinde. Tropische Landschafts— und Stimmungsbilder wechselten mit abgerissenen Strophen aus bekannten und unbekannten Romanzen und Balladen jeglichen historischen und unhistorischen Inhalts. Löhnefinke war göttlich, und sein Feind, der Mond, konnte wirklich seine Freude an ihm haben; aber mehr als einem seiner und meiner Vorgesetzten würde er in diesem Zustande nicht nur moralische, sondern auch physische Übelkeit erregt haben. In der Ferne nordwärts blinzelte das wechselnde Licht des Leuchtturms von Kampen wie das Auge eines Spötters, der seine Umgebung auf irgend etwas außergewöhnlich Drolliges aufmerksam macht. Die Schafe auf der Heide, über deren Tüder, das heißt Haltestricke, wir stolperten, standen auf, sahen uns verwundert an und staunend nach.
So kamen wir dem Dorfe Westerland immer näher, jedoch bevor wir es erreichten, wurden wir angerufen und, der äußern Erscheinung und dem Tone nach, auf die allerlieblichste Weise aus dem Traum, Nacht und Mondscheinwandeln in die Wirklichkeit zurückgerissen. Vom Dache konnten wir glücklicherweise beide nicht fallen.