„Wer ist hinter Ihnen? Niemand, wie mir scheint! So reden Sie doch! Wer jagt Sie? Was treibt Sie zu solchen Sprüngen? Ich sehe wahrhaftig nicht das geringste da oben!“
„Doch, doch! Er—sie—der Mond—Luna—Selene! Nein, nein, nicht Luna und Selene, sondern er, der Mond, der verruchte deutsche Mond! Eben geht er hinter den Watten auf und wird in einigen Minuten dort über die Höhe hinter mir her sein! Und hier kein Dach, kein Schirm – nicht einmal ein Regenschirm—und der nächste Badekarren zum Unterschlüpfen eine Viertelstunde weit ab! Das ist mein Tod!“
Einen Regenschirm führe ich gewöhnlich mit mir und so auch jetzt; der Unbekannte in seiner Verstörung hatte ihn jedoch nicht bemerkt, und ehe ich ihn dem Narren anbot, überlegte ich natürlicherweise.
Es war mir klar, juristisch klar, daß ich einen Wahnsinnigen vor mir hatte, und schnell gefaßt überdachte ich, wie unter solchen Umständen von mir gegen ihn zu handeln sei. Sollte ich den Mann, da ich an seinen eigentümlichen Fiktionen nichts ändern konnte, seinem Schicksal überlassen und es seinen Wächtern anheimstellen, ihn einzufangen; oder sollte ich ein Gespräch mit ihm anknüpfen und auf die Gefahr hin, in persönlich unangenehme Auseinandersetzungen mit ihm zu geraten, seine Zustände näher zu ergründen suchen?
Als Mensch würde ich das erstere vorgezogen haben, als Jurist, als Kriminalist zog mich das letztere an. Ich folgte der Verlockung und führte die Unterhaltung weiter.
„Mein lieber Herr,“ sprach ich, „wenn Sie sich unter einem Regenschirm gegen Ihren Feind gesichert glauben, so bin ich mit dem meinigen gern zu Diensten. Nehmen Sie meinen Arm.“
Ich hatte bereits das seidene Wetterdach ausgespannt, und der Irrsinnige war ebenfalls bereits mit einem Freudenruf in die Höhe gesprungen.
„O mein Herr, der Himmel hat mich Ihnen entgegengeführt.“
Er nahm meinen Arm und sagte, den Hut abziehend:
„Erlauben Sie aber auch, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist
Löhnefinke—Königlich Preußischer Kreisrichter zu Groß-Fauhlenberge,
Provinz…“