„O nein, nein! Ach, wie glücklich würde ich mich schätzen, wenn es d a s wäre! Das ist ja gerade mein Elend, daß ganz das Gegenteil dessen, was Sie im Sinne haben, den Grund meiner Verstörung bildet. Ich versichere Sie, weder der Wein noch die Weiber haben es mir in meinen Jünglingstagen angetan. Ich bin nur zu solide gewesen und bereue es heute in Kummer, Schmerz und im Sylter Badekostüm. O hätte ich mich doch ausgetobt in den Tagen meiner Jugend! Hätte ich doch meiner Phantasie die Zügel auf den Hals geworfen und die Gefahr, abgeworfen zu werden und das Genick zu brechen, zur rechten Zeit auf mich genommen! Kollega, Kollega, unterdrückte Poesie ist es, welche mich verrückt macht – verrückt weit nach dem vierzigsten Lebensjahre. Der deutsche Mondschein rächt sich an mir, und ich bezweifle, daß mir irgendein Bad, Sauer oder Bitterwasser helfen werde.“

„Der deutsche Mondenschein?“

„Freilich und sechsmal ja! Der Mond grinst mich aus meinem Verstande heraus, mich den königlich preußischen Kreisrichter Friedrich Wilhelm Löhnefinke zu Groß-Fauhlenberge, und nicht nur für eigene Verschuldung büße ich, nein, ich habe auch noch dazu die Schulden ungezählter Generationen meiner Vorfahren an das glänzende Ungeheuer abzutragen. O Kollega, ich fühle mich stellenweise sehr unglücklich!“

„Kollege, Sie sind jedenfalls ein sehr interessanter Mensch. Mit aufgespanntesten Seelenkräften bitte ich um eine genauere Erklärung.“

„Welche ich Ihnen geben werde. Mein Vater war königlicher Beamter, mein Großvater gleichfalls, und es wäre lächerlich von mir, wenn ich daran zweifeln wollte, daß auch mein Urgroßvater königlicher Beamter gewesen sei, selbstverständlich Provinzialbeamter wie wir alle. Meine Mutter war ein deutsches Weib, ebenso meine Großmutter und natürlich meine Urgroßmutter nicht weniger. Auch sie stammten sämtlich aus königlichen Provinzialbeamtenfamilien ab. Von Poesie wußten sie nichts, und auf den Mond achteten sie nur insofern, als er so gefällig war, sie zu benachrichtigen, wann es Zeit sei, die Haare zu verschneiden oder zur Ader zu lassen. O, sie überließen es einfach mir, für die Vernachlässigung zu büßen! Meine Mutter las Clauren, meine Großmutter Bibel und Gesangbuch, meine Urgroßmutter konnte wahrscheinlich gar nicht lesen. Meine Vorväter lasen und schrieben ihre Akten, lasen das Amtsblatt und vielleicht auch die Zeitung, und ich war bis in die jüngste Zeit ihr würdiger Nachkomme. Da kam das Jahr achtundvierzig, und der Mond ging mir auf.“

„Aha!“ rief ich wiederum; aber der Kollege Kreisrichter schüttelte abermals das Haupt und sagte:

„O nein, nein und zwölfmal nein! Sie irren sich jetzt nicht weniger als vorhin. Sie wissen was wir unter dem Worte ‚altliberal‘ verstehen?“

Ich nickte mit der Energie einer chinesischen Pagode.

„Sie werden mir also zugestehen, daß man als Altliberaler noch weit davon entfernt ist, den Mond zu hassen und vor dem Monde Reißaus zu nehmen?“

Es wäre töricht von mir gewesen, dieses Zugeständnis nicht zu machen, und ich machte es, tat aber dabei die Gegenfrage: