„Laufen alle der großen Straße wieder zu, nachdem sie an irgend einer schönen, merkwürdigen, lehrreichen Stelle vorübergeführt haben. Ich, der Fußwanderer, habe nie so viel Erfahrungen für den Geist, so viel Skizzen für meine Mappe heimgebracht, als wenn ich mich verirrt hatte.“
„Sie müssen ein eigentümliches Leben geführt haben und führen!“ sagte ich, den sonderbaren Menschen vor mir ansehend. Er strich mit der Hand über das sonnverbrannte, verschrumpfte Gesicht und lächelte.
„Ein Leben, das gern auf Irrwegen geht, ist stets eigentümlich!“ sagte er. „Übrigens wird jeder Mensch mit irgend einer Eigentümlichkeit geboren, die, wenn man sie gewähren läßt — was gewöhnlich nicht geschieht — sich durch das ganze Leben zu ranken vermag, hier Blüten treibend, dort Stacheln ansetzend, dort — von außen gestochen — Galläpfel. Was mich betrifft, so bin ich von frühester Jugend auf mit der unwiderstehlichsten Neigung behaftet gewesen, mein Leben auf dem Rücken liegend hinzubringen und im Stehen und Gehen die Hände in die Hosentaschen zu stecken. Sie lächeln — aber was ich bin, bin ich dadurch geworden.“
„Ich lächelte nur über die Richtigkeit Ihrer Bemerkung. Wir alle sind Sonntagskinder, in jedem liegt ein Keim der Fähigkeit, das Geistervolk zu belauschen, aber es ist freilich ein zarter Keim, und das Pflänzchen kommt nicht gut fort unter dem Staub der Heerstraße und dem Lärm des Marktes.“
„Holla,“ rief der Zeichner, plötzlich aufspringend und nach dem Fenster eilend, „sehen Sie, welch ein Bild!“
In der Dachwohnung über der meinigen drüben hatte sich ein Fenster geöffnet. Die kleine Ballettänzerin, welche dort wohnt, ließ ihr hübsches Kindchen nach den leise herabsinkenden Schneeflocken greifen. Das Kind streckte die Ärmchen aus und jubelte, wenn sich einer der großen weißen Sterne auf seine Händchen legte oder auf sein Näschen. Die arme, ohne die Schminke der Bühne so bleiche Mutter sah so glücklich aus, daß niemand in diesem Augenblick die traurige Geschichte des jungen Weibes geahnt hätte.
„Ich habe auf Ihrem Schreibtische Blätter gesehen mit der Überschrift: Chronik der Sperlingsgasse,“ sagte Strobel, „das Bild da drüben gehört hinein, wie es in meine Skizzenmappe gehört.“
„In meinen Blättern würde es eine dunkle Seite bilden,“ antwortete ich, „und die Chronik hat deren genug. Wie wär’s aber, wenn Sie Mitarbeiter dieser Chronik der Sperlingsgasse würden; Sie haben ein gar glückliches Auge!“
„Glauben Sie?“ fragte der Karikaturenzeichner, welcher den Kleiderschrankstuhl an das Fenster gezogen hatte und emsig auf einem Papier kritzelte. „Sie wollen keine dunkeln Blätter; kennen Sie vielleicht die Geschichte jenes englischen Zerrbildzeichners, der vor dem Spiegel an seinem eigenen Gesichte die Fratzen der menschlichen Leidenschaften studierte?“
„Nein, ich kenne die Geschichte nicht, was ward mit ihm?“