und schloß:
„… meiner Liebsten noch einen Gruß und Kuß und hoff ich zu kommen im Frühling mit den Schwalben und Hochzeit zu feiern freudiglich mit meinem Schatz, den grüßt und küßt in Gedankensinn sein herzlieber
Gottfried Karsten,
Tischlergeselle.“
Oft, wenn der Wind die alte Wetterfahne knirschen und kreischen läßt, mag sie wohl an das Blättchen im Knopf darunter denken und an den, der’s schrieb, und der nun auch schon so lange tot und begraben ist.
An wie manches Kindbett im Hause aber auch ist die alte Margarete Karsten gerufen, und wie manches junge Leben hat sie aufblühen sehen im Hause Nr. Sieben in der Sperlingsgasse.
Wer weiß so viele Wiegenlieder wie sie; wer weiß so viele Märchen, die alle anfangen: „Es war einmal“ und damit enden, daß jemand in ein Faß mit Nägeln und Ottern gesteckt und den Berg hinabgerollt wird? Wer im Hause hat zu allen Tageszeiten so viele Kinder um sich, die den Geschichten lauschen, dem schnurrenden Rade zusehen und abends mit der zunehmenden Dämmerung immer dichter an den großen Lehnstuhl sich drängen? Wie oft habe ich einst da die kleine Elise mit Rezensent an ihrer Seite gefunden, andächtig lauschend, und wie oft, wenn ich mit der besten Absicht kam, sie heraufzuholen zu Bett, bin ich selbst sitzen geblieben, den Schluß einer Historie abwartend, bis endlich auch noch Martha herabkam, und es uns fast ging wie dem Herrn, welcher den Jochen ausschickte, den Pudel zu holen.
Heute freilich treffe ich die kleine Lise nicht auf der Fußbank am Lehnstuhl sitzend, auch die alte Martha kommt nicht mehr herunter, uns beide abzuholen; aber einen andern treffe ich häufig genug seit Mitte des vorigen Herbstes, und dieser andre ist kein geringerer als unser Freund und Nachbar, der Karikaturenzeichner Strobel. In der Werkstatt bei Meister und Gesellen, in der Küche bei der Hausmutter, überall ist der Zeichner ein willkommener Gast. Die Gesellen porträtiert er für ihre respektiven Schätze, mit dem Meister politisiert er, die Meisterin lehrt er neue Gerichte fabrizieren — er hat unter seiner Bibliothek ein dickes Kochbuch — und der Großmutter — hört er zu.
So traf ich ihn heute abend, als ich herunterkam, einen geborgten Leimtopf wieder abzuliefern. Da es Feierabend war, so war die ganze Familie in der Stube versammelt, der Zeichner hatte alle seine Gesprächselemente bei einander und plätscherte mit Wonne darin herum.
„… Also Meister,“ sagte er, als er eintrat, „wer, meinen Sie, kriegt dabei die Prügel?“
„Der Russe nicht!“ antwortet nach einer kleinen Pause bedächtig der Meister, der mit der Brille auf der Nase die Zeitung hinter das Licht hielt, um besser zu sehen.