„Ach, Martha, das war schön — und — der Onkel Doktor ist fort!“ sagt die kleine müde Elise. Auch der Lehrer sagt jetzt gute Nacht und kehrt zurück in sein einsames Stübchen, eine lange Woche mühsamer Arbeit vor sich.

Das war ein Sommertag im Walde, den ich hier aufzeichne in einer öden, kalten Winternacht.

Am 25. Januar.

Die Kälte ist aufs höchste gestiegen. Wenige Nasen werden in der Sperlingsgasse herausgestreckt, und die es werden, laufen rot und blau an. Welch Künstler der Winter ist; die Spatzen färbt er gelb, und den freien Deutschen macht er ausrufen: mein Haus ist meine Burg!

Was kann ein Chronikenschreiber bei so bewandten Umständen besseres tun, als sein Haus einzig und allein zum Gegenstand seiner Aufzeichnungen zu machen und die große Welt draußen, die allgemeine Gassengeschichte, gehen zu lassen wie sie will?

Im Jahre der Gnade 1619 verbrannten sie zu Rom einen Gottesleugner, genannt Julius Cäsar Vanini, der hob, auf seinem Scheiterhaufen stehend, einen Strohhalm zwischen den Holzklötzen auf und sagte lächelnd: „Wenn ich auch das Dasein Gottes leugnen würde, dieser Halm würde es beweisen!“ — Die Geschichte eines Hauses ist die Geschichte seiner Bewohner, die Geschichte seiner Bewohner ist die Geschichte der Zeit, in welcher sie lebten und leben, die Geschichte der Zeiten ist die Geschichte der Menschheit, und die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte — Gottes! Wohin führt uns das? Kehren wir schnell um, und steigen wir die Treppen hinunter in das unterste Stockwerk.

Da sitzt in dem vorderen Zimmer des Hauswirts und Tischlermeisters Werner eine weißhaarige gebückte Frau in ihrem Lehnstuhl hinter dem Ofen, spinnend vom Morgen bis zum Abend. Das ist die alte Mutter der Hausfrau, die Tochter des Erbauers des Hauses, welche den Grundstein legen und den Knopf auf die Giebelspitze setzen sah und mit dem Hause und seiner Geschichte verwachsen ist durch und durch.

Manche Leiche hat sie in den langen Jahren ihres Lebens hinaustragen sehen: ihre Eltern und alle ihre Geschwister, ihren Mann und alle ihre Kinder bis auf eins, die Anna, die Frau des jetzigen Besitzers. Sie hat den Sarg Mariens mit schmücken helfen und den Sarg Franzens; sie hat ihre Freundin, meine alte Martha, mit hinausbegleitet zum Johanniskirchhof, wo dieselbe begraben ward an der Seite ihrer Herrin, und manchen andern vom Dachstübchen bis zur Kellerwohnung.

Einst war sie das schönste Mädchen der Gasse — wie sie jetzt noch die schönste alte Frau ist — und als der Hausknopf geschlossen werden sollte, und jedes Glied der damals zahlreichen Familie ein Gedenkzeichen hineintat, legte sie errötend und unbemerkt ein kleines Blättchen hinzu, welches aus fernem Land gekommen war, und die Überschrift trug:

„Dieses kleine Briefelein kommt an die
Herzallerliebste in Herz und Liebe.“