„Ja, das kann ich!“ ruft Lischen ganz eifrig. „Darüber braucht Ihr ihn nicht auszuschelten!“
Ich komme jetzt der bedrängten Tante zu Hilfe.
„Ausgeben kann er’s freilich, aber das ‚Wie‘ ist jetzt die Frage. Was habt Ihr mit dem Gelde angefangen?“
Das Paar sieht sich stumm an. Plötzlich greift Lise in die Tasche, zieht einen Kirschkern hervor und schnellt ihn Gustav an die Nase. Die Frage ist gelöst.
„Ach so!“ ruft die Tante Berg. „Nun, es ist gut, daß es fort ist, so kann er wenigstens nicht wieder Zigarren dafür kaufen, wie in der vorigen Woche.“
Auch ich bin ganz damit einverstanden, während Elise den Vetter mit dem Ellenbogen in die Seite stößt und ihm zuflüstert: „Warte nur, morgen kriege ich meins!“
Glückliche Kindheit! Alle späteren Lebensalter, die eine einsame Minute fröhlich verträumen wollen, lassen dich vor sich aufsteigen, und ich — der alternde Greis fülle diese Bogen mit längst vergangenen, längst vergessenen Kindergedanken und Kindersorgen! Träumt nicht sogar die Menschheit von einem „goldenen Zeitalter“, einer längst untergegangenen glücklichen Kinder-Welt?
Am 28. Februar.
Es ist gar kein übler Monat dieser Februar, man muß ihn nur zu nehmen wissen! — Da ist erstlich die ungeheuere Merkwürdigkeit der fehlenden Tage. Wie habe ich mir einst, vor langen Jahren, den Kopf über ihr Verbleiben zerbrochen. Jeder andere Monat paßte aufs Haar mit Einunddreißig auf den Knöchel der Hand, mit Dreißig in das Grübchen, und nur dieser eine Februar — ’s war zu merkwürdig! — Das ist ein Stück aus der formellen Seite der Vorzüge dieses Monats, jetzt wollen wir aber auch die inhaltvolle in Betrachtung ziehen. Was ist an diesem Regen auszusetzen? Tut er nicht sein möglichstes, die Pflicht eines braven Regens zu erfüllen? Macht er nicht naß, was das Zeug halten will und mehr? Der alte Marquart in seinem Keller ist freilich übel daran, seine Barrikaden und Dämme, die er brummend errichtet, werden weggeschwemmt, seine Treppe verwandelt sich in einen Niagarafall. Alles, was Loch heißt, nimmt der Regen von Gottes Gnaden in Besitz. Immer ist er da; seine Ausdauer grenzt fast an Hartnäckigkeit! Man sollte meinen, nachts würde er sich doch wohl etwas Ruhe gönnen. Bewahre! Da pladdert und plätschert er erst recht. Da wäscht er Nachtschwärmer von außen, nachdem sie sich von innen gewaschen haben; da wäscht er Doktoren und Hebammen auf ihren Berufswegen; da wäscht er Kutscher und Pferde, Herren und Damen — maskiert und unmaskiert, da wäscht er Katzen auf den Dächern und Ratten in den Rinnsteinen; da wäscht er Nachtwächter und Schildwachen selbst in ihrem Schilderhaus. Alles was er erreichen kann, wäscht er! Kurz: „Bei Tag und Nacht allgemeiner Scheuertag, und Hausmütterchen Natur so unliebenswürdig, wie nur eine Hausfrau um drei Uhr nachmittags an einem Sonnabend sein kann.“ Das ist das Bulletin des Februars, den man einst mensis purgatorius nannte. — Jetzt finde ich auch einen Vergleich für das Aussehen der großen Stadt. Lange genug hab’ ich mich besonnen, keiner schien passend. Nun aber hab’ ich’s! Aufs Haar gleicht sie einem unglücklichen Hausvater, welchen die Fluten des sonnabendlichen Scheuerns auf einen Stuhl am kalten Ofen geschwemmt haben, wo er sitzt — ein neuer Robinson Crusoe — mit Kind, Hund, Katze und Dompfaffenbauer, die Beine auf einen hohen Schemel stehend und die Schlafrockenden herabhängend in die Wogen.
Brr! — Das ist mal wieder ein Wetter, um in alten Mappen zu wühlen, und ich wühle auch darin schon seit geraumer Zeit! Da muß ein Brief sein, den ich trotz aller Mühe nicht finden kann, und der doch eigentlich schon früher der Chronik hätte eingelegt werden sollen. Briefe mit späterem Datum von derselben Hand finde ich genug; sie berichten von Kindtaufen, und einer auch von dem Hinscheiden eines ehrwürdigen Pudels, „Rezensent“ genannt. Ich möchte aber gern ein älteres Schreiben haben, welches noch nicht von Kindtaufen erzählt! Gottlob, hier ist’s! Die Chronik hätte es, wie gesagt, viel früher aufnehmen müssen, aber was tut’s. Je älter solche Briefe werden, je älter ihr Schreiber selbst geworden ist, desto frischer klingen sie!