Hier ist das Skriptum:
„Unter Verantwortlichkeit der Redaktion.“
Liebe und Getreue!
Eben hatte ich diesen Anfang ‚Liebe und Getreue‘ gemacht, als sich auf einmal ein kleines Patschhändchen auf meine Schulter legte, ein brauner Lockenkopf sich vorbeugte, und ein Stimmchen ganz fein sagte:
‚Erlaube, liebes Kind (‚liebes Kind,‘ das bin ich, der Dr. Wimmer) — erlaube, liebes Kind, an was für ein Frauenzimmer willst Du da schreiben?‘ Ich sah verwundert auf und erblickte — eine kleine runde Dame (sie sitzt neben mir und zieht mich für das ‚rund‘ tüchtig am Ohr), die ein allerliebstes Mäulchen machte:
‚Liebes Kind ich möcht’s halt gern wissen!‘
‚Sollst Du auch, Schatz,‘ sagte ich lachend. Gib acht, es ist eine seltsame Geschichte! — Es war einmal ein Mann, der lief in der Welt herum, und die Leute nannten ihn Dr. Heinrich Wimmer; einige freilich titulierten ihn auch ‚Esel‘ oder so. Das waren aber nur die, welchen er dasselbe Epitheton gegeben hatte — was er oft sogar schriftlich, Schwarz auf Weiß, tat. Gut, dieser Mensch hatte eigentlich nur wenig wahre Freunde (Bekannte genug), denn er war so eine Art von Vagabond, wenn auch nicht in der schlimmsten Bedeutung des Worts. Er war ein Literat. Zu den Freunden, die ihn ertrugen und nicht ‚Esel‘ nannten, gehörte erstens ein Schulmeister Namens Roder, zweitens ein ältlicher Herr, Wachholder genannt, und drittens — ein junges Mädchen (beruhige Dich, Nannette, sie war höchstens elf Jahre alt, als wir schieden), Namens Elise Ralff. Wir wohnten in einer großen Stadt, wo es viel Staub gibt, und aus der sie mich, höchst wahrscheinlich aus Sorge um meine Gesundheit, wegjagten, weil jener Staub mich stets zum Husten brachte, ziemlich dicht zusammen, und betrugen uns gegeneinander, wie gute Freunde sich betragen müssen. Sogar der Pudel Rezensent, mein vierter Freund, fühlte oft eine menschliche Rührung darüber; wie es in der Tat ein vortreffliches Vieh ist, was Du auch dagegen sagen magst, Nannerl!
Und nun höre — grimme Othelloin, das „Liebe und Getreue“ gilt den drei Freunden und ‚halt‘ nicht einem Frauenzimmer, Du Eifersucht!
Da wir nun aber einmal dabei sind, so laß Dir auch weiter erzählen, liebe Nannette. Mit diesen Freunden lag ich an dem Tage, an welchem ich den letzten Staub von den Füßen über jene Sand-Stadt schüttelte, in einem Holze, wo wir den ganzen Tag über Vogelnester gesucht, Blumen gepflückt und Märchen erzählt hatten, als auf einmal ein Gefühl bodenloser Einsamkeit und moralischen Katzenjammers u. s. w. u. s. w. über mich kam. Da stieg plötzlich, mitten im grünen Walde, wo die Vögel so lustig sangen, und die Sonne so hell und fröhlich durch die Zweige schien, ein Gedanke in mir auf, ein Gedanke an ein kleines hübsches Mädchen, mit welchem ich einst zusammen gespielt, und an das ich oft, oft gedacht hatte in späteren Jahren. — Daran aber dacht’ ich in dem Augenblick nicht, daß zwischen dem Kinderspiel und dem Waldtage so lange Zeit lag; — ich dachte — ich dachte: Heinrich warum gehst du nicht nach München, wo du geboren bist, wo dein Onkel Pümpel, wo dein — kleines liebes Mühmchen Nannette wohnt?
Wie ein Lichtstrahl, viel heller und fröhlicher als die Sonne — durchzuckte mich das, ich sprang auf, warf den Hut in die Luft und schrie: ‚Hurra, ich gehe nach München zu meinem Onkel Pümpel, zu meiner Cousine Nannerl!‘ — Die Freunde sahen mich verwundert und lächelnd an, und der Lehrer Roder sagte: ‚Junge, das wäre prächtig, wenn Du — solide würdest!‘