„Wo will Er hin?“ fragte der Greis. „Halt da! Daß Er das große Maul gleich allen übrigen aus dem Kriegselend mitbringt, weiß ich schon. Erwartet Ihn etwa auch zu Hause ein alter Vater und eine Mutter, die Jahre lang allnächtlich ihr Kissen in ihren Tränen wäscht? Die Rute hinterm Spiegel? Ei, ei, führt nicht der König gerade darum den Krieg, um der ganzen Welt zu zeigen, daß die Rute immer noch hinter dem Spiegel stecke? Lege Er Seinen Hut hin, Musje, sage ich; Er kann bleiben in der Mühle bis morgen und auch noch einen Tag länger, wenn’s Ihm beliebt. Auf den Jungen da aber hatte Er nicht so hineinzuräsonieren das ist mein Junge, und den hab’ ich abzurichten! Marsch in die Küche, Mutter, wir haben einen Gast zu Tisch, und wir haben auch heut abend einen Gast mehr. Hänge Er Seinen Hut da an den Nagel, Kamerad — da, stell meinen Stock in die Ecke, Albrecht, und leg mein und der Mutter Gesangbuch ins Schaff. Setze Er sich, Kamerad, und lasse Er mich von Sich und Seinen Umständen ein Weiteres wissen.“
Der Korporal schüttelte mit einem eigentümlichen Blick auf den früheren Kriegsgenossen dem Alten die Hand.
„Er ist mein Mann, Müller! Nehme Er vorlieb mit der Linken; ich würde Ihm nur zu gern die Rechte geben, wenn’s anginge. Mit Seinem Jungen da darf Er natürlich machen, was Er will. Ich bin auch nicht umsonst sein Unteroffizier gewesen und weiß, wie er traktieret sein muß. Hänge Er auch meinen Hut an den Nagel, Musketier Bodenhagen.“
Der „Junge“ tat verdrossen, was ihm geheißen worden war, trieb sich kläglich-mürrisch noch einen Augenblick in der Stube herum und ging dann hinaus und durch den Garten an den Zaun. Er stützte beide Arme auf den Zaun und sah die mürrische Innerste vorbeifließen.
„O Jemine,“ seufzte er, „jedermann hat seinen Willen mit mir, und wie ich auch aufwerfen mag, es ist doch, als ob sie alle Bescheid in mir wüßten. O je, es ist doch ein miserabel Dasein — die ganze Welt hunzt an einem herum, und nichts, gar nichts hat es genützet, daß man sein Leben dran setzte, der wilde Albrecht zu heißen. Der Krieg hat mich kaput gemacht — und der tolle Albrecht, der wilde Bodenhagen ist zahm genug geworden. Ohne die Alte sollte mich die Innerste schon längst mit sich weggenommen haben. Und jetzo krieg ich auch ein junges Weib —“
Sie riefen ihn vom Hause her, und ohne sein letztes Wort zu Ende zu bringen, schlich er zurück, fand die Suppe auf dem Tische stehend und den Korporal Brand im besten Einvernehmen mit dem Vater und der übrigen Hausgenossenschaft daran sitzend. So setzte er sich auch, tat den Mund nur zum Essen auf und hörte den Jochen von der Schlacht bei Minden erzählen; nach dem Essen aber, als der Alte schlief, stand er abermals am Zaun an der Innerste, doch diesmal mit dem Korporal Jochen an seinem Ellenbogen, und sah hin auf den aufgeweichten Feldweg, der von Groß-Förste auf die Mühle zuführte durch die Felder und Wiesen, und auf welchem die Verwandtschaft mit der jungen Braut jetzt herangezogen kommen sollte. Der Korporal aber redete ihm ins Gewissen.
Fünftes Kapitel.
„
Kerl,“ sagte der Korporal Jochen Brand, „nun sage mir mal, was das mit dir ist? Setze allen Respekt zur Seite; mein Korporalstock liegt mit meinem Arm ruhig bei Minden; tu dir keinen Zwang an; sprich dich aus, wie dir’s ums Herz ist; es deucht mir, die Marschroute sei mir nur deshalb so vorgeschrieben worden, um dir die Beichte zu hören, als ob ich mein Lebtag nichts anderes gewesen sei als ein Hildesheimscher Kanonikus.“