„Nimm du endlich Vernunft an, Jochen,“ sagte Albrecht Bodenhagen. „Du hast jetzt dein Vergnügen an mir lange genug gehabt und kannst recht gut, ohne dir was zu vergeben, das Maul halten. Daß du mein Korporal gewesen bist, das ist richtig; daß du mich nicht schlimmer traktiert hast als die anderen Kerle, mag auch seine Richtigkeit haben —“
„Mag auch seine Richtigkeit haben? Bursch, wie einen Prinzen hat man dich unter der Fuchtel gehalten. Der alte Fritz zu Küstrin hat’s nicht viel besser gehabt! Hab’ ich dich nicht auf dem Buckel getragen wie eine Mutter ihr Kind?“
„Das weiß der liebe Himmel!“ ächzte der junge Müller. „Aber es mag sein, wie’s will, als du mir heut morgen in die Stube rücktest, ist es mir wahrhaftig nur ein freudiger Schrecken gewesen, und ich habe gedacht, da ist doch zuletzt doch einmal wieder eine Seele, mit der du das Deinige reden kannst, Bodenhagen. Verschossen ist die blaue Montur zwar, aber dein Kamerad war er doch! will Er mich nun reden lassen oder nicht, Korporal Brand?“
Der Korporal Brand legte seinen gesunden Arm dem niedergeschlagenen Müller um den Nacken.
„Bruderherz, rede frei hin. Von einem Narren kann man eben nicht verlangen, daß er Spaß verstehe, und so ist’s auch von dir nicht zu pretendieren. Sonst aber weißt du wohl noch, daß in unserem ganzen hochlöblichen Regiment nur der Oberst ein Schnupptuch in der Tasche führte; das ganze übrige Korps, Offiziere, Unteroffiziere, Trommler, Pfeifer und Gemeine schnaubten sich nach Adams Art: also daß ich ein Taschentuch der Rührung wegen an die Augen bringe, kannst du beim Satan nicht verlangen. Jetzo mach ein Ende und deinem Herzen Luft! wo steckt’s? wo quält dich dein jung Leben? was hat dir die Innerste, das Wasser, das deines Vaters Rad so nahrhaft treibt, zuleide getan?“
„Ehe ich zu euch zum Regiment kam, Jochen,“ flüsterte der Müller, „war ich droben bei euch im Harz. Ich hatte dem Alten wohl mein Vivat Fridericus über den Bach zugeschrien; aber Ernst ist’s mir nicht damit gewesen. In die lustige weite Welt wollt’ ich, und so bin ich hinaufgekommen bis Wildemann, Korporal. Kennst du die Buschmühle zwischen Wildemann und Lautenthal, Jochen Brand?“
Der Einarm trat einen Schritt zurück und tat einen langen, verständnisvollen Pfiff.
„Hui — die Radebreckers Mühle! Da also liegen die Kroaten im Busch? Alle Hagel und Wetter, Musketier Bodenhagen, da möchte ich wirklich zurückfragen, ob Er denn ganz und gar Bescheid in der Buschmühle weiß?“
Der Müller nickte, über die Schulter scheu nach seines Vaters Hause blickend, und der Korporal fuhr fort:
„Das Wasser, das vom Stein auf das Rad springt, drehte es schon selten genug, als ich da aus und einging. Sie haben andere Dinge zu schaffen, als sich um ihr Mühlenwerk zu kümmern. Seit sechs Jahren stehe ich im Felde; aber vor sechs Jahren spukte und stank es dort bedenklich, und Doris Radebrecker war ein sechzehnjährig Ding. Die Werber holten mich aus dem Forst am Hübichenstein und legten mir statt der Jägerbüchse des Königs in Preußen Kommißflinte auf, sie hätten mich vielleicht noch bequemlicher in der Buschmühle gefunden.“