„Mich faßte dort des Obersten Colignon Werbeoffizier vor dritthalb Jahren, und damals war die Innerste, die Doris wollt’ ich sagen, so zwischen Neunzehn und Zwanzig.“
„Wem möchte ich nun am liebsten die Knochen zerschlagen, dir oder ihr?“ murmelte der Invalide; dann aber lachte er von neuem, wenngleich ein wenig grimmig, und rief, seinen leeren Ärmel schüttelnd:
„Nur weiter, du Armsündergesichte!“
„Als ich von hier, vom Hause, fortlief und dem Alten zuschrie, daß ich in den Krieg ziehe, da meinte ich für ganz gewiß, daß ich ihm was vorlöge. Aber gelogen hab’ ich zuletzt doch nicht, wie Ihm bekannt ist, Korporal; unter dem Stocke des Alten weg bin ich unter den Seinigen geraten, Korporal Brand; aber in der Buschmühle bin ich bekannt, und wie ich in den Krieg gekommen bin, davon weiß Doris Radebrecker in aller Welt am besten auszusagen.“
„Und da mein Marsch dort vorbeigeht nach Grund, so will ich vorsprechen und mich des weitern erkundigen, Meister Albrecht,“ sprach der einarmige Invalide mürrisch. „Sonst aber gebe ich Ihm recht: wer die Doris aus der Sägemühle zwischen Lautenthal und Wildemann kennen gelernt hat, der weiß sein übrig Leben davon zu erzählen, wenn er nicht lieber den Mund hält zu seinem eigenen Besten.“
„Laß sie nicht wissen, daß ich wieder zu Hause sitze!“ flüsterte Albrecht Bodenhagen angsthaft. „Bei unserer Kameradschaft in Not und Tod, Jochen, wenn du da vorsprechen mußt — und ich weiß es ja, daß du jetzo es nicht lassen kannst, und wenn der Strick drauf stünde, rede nicht von mir. Da kommt die Verwandtschaft aus Groß-Förste; ich bin versprochen worden mit dem Lieschen von Papenbergs Hofe, und zu Ostern ist die Hochzeit. Sag der Innerste, der Doris, ich läge bei Bergen vor der Stadt Frankfurt mit den anderen — sechshundert in einer Grube! Sag ihr, ich sei desertiert, und du habest mich zu Hameln auf Fort George Spießruten laufen sehen — sag ihr, ich sei verendet mit einer zerbissenen Bleikugel zwischen den Zähnen unter den Haselruten. Sag ihr, du habest selber mit zugehauen am Wesertor, hinter dem Hamelnschen Wall —“
„Lüg ihr ins Blaue und Rote hinein, bis du schwarz wirst; — o Kamerad, wenn ich dich jetzt ansehe und mir denke, daß sie dich hier den wilden Bodenhagen nannten, so kommt mir, der Innerste zum Trotz, ein Lachen an. Jetzo weiß ich aber doch, weshalb es bei jeglicher Affäre meine Pflicht gegen den König von Preußen war, dich im Feuer stets mit dem Flintenkolben zum Gradestehen zu animieren! Hm, die Innerste! sie sagen, daß die Innerste dann und wann schreie und dann jedesmal ein Lebendiges für ihren Hunger verlange. Da kommt richtig die Vetter-Michelschaft von Groß-Förste an, und jetzo will ich Seinen jetzigen Schatz mit meinen Augen sehen, Musketier Bodenhagen, und Ihm dann meine letzte Meinung gewißlich nicht vorenthalten. Verlaß Er sich darauf; ehe ich hier aus meinem Quartier abmarschiere, werde ich Ihm meine Meinung sagen, grad als ob ich sie Ihm in einem Testamente vermache. Wer aber hätte es denken können, daß beim ersten Ausrücken aus dem Spital die liebe Doris — Doris Radebrecker wieder die erste sein würde, mir das Lachen zu vertreiben und von vornherein den Spaß am ewigen Urlaub zu verderben. Wie wird sie lachen, wenn sie mich anmarschieren sieht mit dem einen Fittich! Mordieu, wenn man nicht seine eigene Vetternschaft in Grund sitzen hätte, so wär’s freilich besser, ungehohneckt bei Bergen oder hinterm Hamelnschen Wall seine fünf Fuß tief unterm Erdboden zu liegen.“
In diesem Moment hörte man jenseits der Innerste zwischen den kahlen Erlen und Weiden im Gebüsch ein hell und lustig Mädchenlachen. Die Verwandtschaft suchte sedate ihren Weg über den Mühlensteg; doch die junge hübsche Braut, das Lieschen Papenberg von Papenbergs Hofe, stand mit einem Male auf jenem Weidenstamme, auf dem im vorigen Sommer der heimkehrende verlorene Sohn saß, als wir ihn zum ersten Male zu Gesicht bekamen. Sie stand lachend und hell unter dem grauen Himmel vor dem schmutzig schleichenden Wasser und winkte:
„Wir sind da! wir sind da, Albrecht! Hol über, hol über!“
„Eine saubere Jungfer, um die man schon einen Sprung in das Wasser tun kann, Musketier Bodenhagen,“ sagte der Korporal, höflich den Hut vor der lachenden Braut ziehend. Es war wahrlich ein bildsauberes Mädchen, und es stand zierlich in seinem Sonntagsstaat, und es war, als ob ein fröhlicher Schein von ihm ausgehe in der grauen Umgebung an dem trüben Februartage; die Innerste aber spiegelte nicht das hübsche, zierliche Bildnis wieder, sie kroch schlammig und heimtückisch hin, mürbe, schmutzige schwarze Eisstücke treibend. Und plötzlich regte sich der Stamm, auf welchem die junge Braut stand. Fort und fort hatte die Innerste unter ihm genagt, und er sank tiefer gegen ihren Spiegel, und sie verschlang ihn jetzt, daß nur der allerletzte Wurzelstumpf noch vorragte. Mit einem Schreckensschrei sprang das Mädchen von diesem hinab und stand auf festem Boden; auch die beiden Männer am Zaun hatten einen Angstruf ausgestoßen und eilten rasch durch den Garten nach dem Mühlenstege, der kommenden Freundschaft entgegen.