sie wußten in der Laube nichts von der blutigen Schlacht
bei Liegnitz, die der König Friedrich und der Feldmarschall
Laudon an diesem Morgen einander geliefert
hatten, und sie wußten auch nichts von den zwei
Augen drüben am andern Ufer der Innerste im
Weidendickicht! —
Es waren oben im Harze in den letzten Tagen starke Gewitter niedergegangen, und infolge davon war der kleine Fluß nach seiner Gewohnheit wieder einmal eine gute Strecke in den Busch und das Röhricht übergetreten. Und inmitten des Busches, mit dem linken Arm sich um einen knorrigen Weidenstumpen klammernd, der vorgesetzte rechte Fuß vom Wasser überspült, stand ein junges Weib, vorgebeugt durch das Gezweig nach der Mühle lugend. Nicht häßlich, aber seltsam verwildert war die Erscheinung anzusehen. Rotes, brennend rotes Haar, hastig geflochten, war um eine fast männlich breite Stirn gewunden, und eine der Flechten hatte sich gar gelöst und hing über die vorgeneigte Wange. Schlank, fast hager und gebräunt von Sonne, Wind und Wetter, in einem grauen Rock und grünem Jäckchen stand das Weib oder Mädchen da, und wunderlich, wunderlich ließ den Fuß im Wasser! Wie sie so dastand, hätte sie daraus hervorgestiegen sein können; es paßte alles zueinander in Gestalt und in Farbe: die Weiden und das Kleid der Lauscherin, das rote Haar und das gelbrote, trübe Wasser der Innerste, und vor allen Dingen zu allem die hellen, großen, grünblauen, kühlen Augen. Wer die Nixe der Innerste hätte malen wollen, der hätte diese Kreatur in sein Bild setzen müssen!
Und sie regte sich nicht, diese Erscheinung! Der Wind rührte leise an die Weidenzweige über ihr, an die hohen Schilfdolden und die Blätter des Erlengebüsches um sie; aber nur ein einzig Mal auf einen kürzesten Moment wehte er ihr die gelöste Flechte ganz über das Gesicht.
Zu ihren Füßen — um ihren Fuß! — regte sich und glitt leise die Flut der Mühle zu, und die Blasen — die Luftblasen vom Atem der Wassergeister stiegen auch wieder empor zur Oberfläche und zerplatzten im Lichte. Manche sagen, die Wassergeister sitzen drunten in der Tiefe gleich riesengroßen Fröschen mit glühenden Augen und atmen still und warten „auf Seelen“; wir wissen das nicht und können nicht darüber nachsagen, und es ist nicht die Zeit, die rothaarige Lauscherin im Geröhricht danach zu fragen; aber die Frösche haben nicht solche Augen wie diejenigen, mit welchen sie in den Mühlgraben sah und nun in die Laube am Zaun des Gartens hinübersieht.
„Du Schelm!“ flüsterte der Meister Albrecht, und jetzt rührte sich das Weib im Ufergebüsch doch. Die Zweige, die Dolden und die Blätter um sie her erzitterten, der Fuß versank tiefer im Wasser und weichen Schlammboden, und — das war alles um den letzten mutwilligen Schrei, mit dem sich die Müllerin unter den Rosen gegen den Kuß des Müllers wehrte.