Die weißen Tauben, die sich auf dem Hausdache gesonnt hatten, erhoben sich flatternd, und ihr Federspiel blitzte, als sie sich in der Morgensonne und in der blauen Luft um den Schornstein schwangen.
„Du wilder Albrecht — wenn — du nun begraben lägest mit den tausend und tausend anderen — in einer Grube auf dem fremden Felde, wie der arme Barthold Dörries?!“ flüsterte die junge Frau, und in demselbigen Augenblick lachte es laut im Weidengebüsch, und mit dem Lachen drang zugleich ein anderer Ton in die Laube herüber. Ein Rufen war es nicht; auch ein Schreien nicht; es war ein Lachen und Kreischen zu gleicher Zeit, und niemand konnte sagen, ob der Ton aus der Luft, aus dem Busch oder aus dem Wasser komme! — — —
Die junge Frau wurde totenbleich in den Armen ihres Mannes. Dieser fuhr zusammen und ließ sein Weib los, und beide standen und horchten, und wieder erwarteten sie mit stockendem Atem und gefrierendem Blut, daß sich das zum zweiten Mal vernehmen lasse. Vergeblich schien die Sonne morgendlich-schön und sommerlich-warm in den eiskalten Schrecken hinein. Von Hause her schlug der Spitzhund an und bellte heftig und zornig gegen die Innerste hin; aber ringsum blieb es still, und wiederum ließ sich die Stimme nicht zum zweiten Mal hören.
Die Innerste schrie nicht wieder; diesmal aber hatte sie wirklich und wahrhaftig geschrien; — es war keine Sinnestäuschung gewesen!
„Um Gottes und Jesu willen, was war das?“ rief die junge Frau. „Hast du es denn auch gehört? Ist es das, was dein Vater damals am Abend hörte? Albrecht, Albrecht, — Mann, Mann, es ist doch wahr! Das Wasser hat gerufen wie ein böser Mensch in Angst und Zorn, und ich sterbe, wenn ich die Stimme noch einmal höre!“
Der jetzige Herr der Mühle war gleichfalls bleich geworden; er preßte die Zähne zusammen und lachte heiser:
„Sei still! es ist doch eine Dummheit! Sitze einen einzigen Augenblick still; — diesmal fange ich den Halunken, der uns da in die gute Stunde hineingemeckert hat! Er wird uns nicht wieder hohnnecken; — ich werde ihm doch noch einmal den tollen Bodenhagen zeigen.“
„Nein, nein! Du gehst nicht von mir, Mann!“
Er war aber schon gegangen. Er hatte dem Hunde gepfiffen und sprang aus dem Garten der Mühle zu. Sein Lieschen sah ihn über den Mühlensteg laufen und in dem Busche jenseits der Innerste verschwinden. Ängstlich rief sie ihn noch einmal; aber sie hörte ihn drüben nur: „Such, such, Laudon!“ rufen und den Spitz bellen. Mit zitternden Knien saß sie auf der Bank in der Laube und versuchte es, ein Vaterunser zu beten, kam aber vor Angst und Beben nicht weit damit. Sie saß halb bewußtlos in der Sonne; alles — Bäume und Büsche und Blumen, die Wiesen und das Haus, wirrte sich ineinander; — sie wollte nach der alten Frau im Hause rufen und vermochte es nicht. Eine Ewigkeit verging dem armen Weibchen, bis der Mann zurück von seiner Suche kam, und es waren doch kaum zehn Minuten, die er ausblieb!
Als sie ihn langsamen Schrittes über den Mühlensteg zurückschreiten sah mit dem Hunde hinter ihm, atmete sie tief auf; sie sah noch immer durch einen blendenden, flimmernden Nebel, aber die Gegenstände ringsum nahmen doch wieder ihre gewohnten Plätze ein und hielten sich ruhig. Ihr Müller aber versuchte lustig auszusehen, als er durch den engen Gartenweg kam und sich mit dem Kopfe auf der Schulter und untergeschlagenen Armen vor sie hinstellte.