Sie traten fest herein, doch auf den Zehen gingen sie näher an den Lehnstuhl heran; Lieschen hatte den Finger auf den Mund gelegt und geflüstert:

„O sieh, die Mutter ist eingeschlafen! Sie hat nichts von dem Schrei und Schrecken gemerkt! Guck nur, wie sanft sie schläft!“

Es war freilich ein friedliches Bild, und die Süßigkeit des Schlummers lag wahrlich auf dem leicht zurückgelehnten alten guten Gesichte der Greisin. Das große Gesangbuch lag noch offen in ihrem Schoße, und die Hornbrille lag darauf, und die Mutter hatte die Hände darüber ineinander gelegt. Die Sonne drang freundlich durch die grünen Blätter vor dem Fenster und umspielte diese alten, harten, so lang so fleißigen Hände; die beiden jungen Leute traten noch einen Schritt näher an den Sorgenstuhl —

„Meinethalb mag sie zu jeder Zeit, wenn es ihr Pläsier macht, den ganzen Viehstand zur Nordsee schwimmen lassen,“ flüsterte der junge Herr und Meister in der Mühle.

„Du bist doch ein guter Junge, Albrecht,“ sagte leise die junge Müllerin zu ihrem Mann, und dann fügte sie noch leiser hinzu: „Wenn ihr das Buch von der Schürze rutscht, erschrickt sie auch und wacht auf; — ich nehme es ihr unter den Händen sanft weg.“

Sie beugte sich zärtlich herab, aber in demselbigen Moment fiel sie nieder auf die Knie und faßte die Hände der Greisin mit einem lauten Schrei:

„Albrecht? Albrecht! — Albrecht!“ —

Die Alte, die Mutter schlief; aber sie wachte von keinem Geräusch und Lärm in der Welt mehr auf. Kein Lärmen — Weinen und Lachen rundum weckte sie mehr! Ob ihr Gesangbuch zu Boden fiel, ob die Innerste schrie, ob Friedrich, Daun und Laudon im Schlachtendonner sich trafen — einerlei! Die alte Frau schlief — schlief ruhig weiter.

Neuntes Kapitel.