Im Jahre 1760 war der Harz bei weitem mehr als heute der wilde Harz. Er ist seitdem kultiviert worden, wie die Leine, die Ihme und die Innerste reguliert worden sind. Was wir erzählen, gilt, sofern es die Natur — Wald und Wasser betrifft, nur von der Mitte des 18. Jahrhunderts; was die Menschen angeht, so haben die sich weniger verändert, wenn sie gleich unendlich viel gebildeter geworden sind und anders zugeschnittene Kleider tragen, so Mann wie Weib.

Mit dem wilden Harz haben wir es jetzo zu tun. Immer an der Innerste aufwärts bis in das Revier der drei Bergstädte Grund, Wildemann und Lautenthal führt uns die Historie von dem schreienden Wasser. Da liegt, wie der Leser schon weiß, zwischen Wildemann und Lautenthal Radebreckers Mühle an der Innerste; vordem, als die Räder sich noch drehten, eine Sägemühle mit gefräßigen Zähnen; aber die Räder stehen seit Jahren still, und der vom Fels hinter der Mühle sich abstürzende Bach findet allhier keine Arbeit mehr. Der Buschmüller hat dieses Geschäft längst aufgegeben und sich ein ander Brot gesucht.

Das alte ruinenhafte Anwesen liegt in eine schluchtartige Windung des Tales gedrückt, umgeben vom dunklen Tannenhochwald. Wer die Innerste in ihrer ganzen Wildheit sehen wollte, der mußte sie hier in der Wildnis aufsuchen. Grauschwarz und giftig kommt das Wasser von den Hüttenwerken von Wildemann; daß es über mehr als drei Steine läuft, hilft ihm nichts, es wird nicht reiner dadurch, und wütend springt es vom Stein hinter dem Hause des Meisters Radebrecker und hohnlachend vorbei an dem gestellten, trümmerhaften Rade.

Horch, eine Stimme, ein Lied aus dem Innern der Mühle, und Stimme und Lied passen ganz und gar zu dieser Menschenwohnung und zu dem Tag und Wetter. Es ist ein dunkler, windiger Oktobertag, der Sturm rauscht und zischt durch den Tannenforst und beugt die schlanken Stämme; aber das alte Harzschützenlied aus den Kriegen des vorigen Säkulums übertönt er doch nicht. Es ist ein Lied, gut zu singen in der Felshöhle am Feuer in der Winternacht, im wilden Walde — vor der Bluttat und nach derselbigen — ein Lied von Blut und Feuer, vom schnellen, tückischen Überfall aus dem Busch, ein Lied von Galgen und Rad — seltsam zu hören aus einem Weibermunde! Und die Innerste singt mit, und die Weise dringt weit hinein in den Forst, und tief im Walde nimmt eine Männerstimme den Endreim auf und sendet aus kraftvoller Brust das Gesätz zurück.

’s ist der Kriegskamerad des neuen Müllers da unten an der Innerste, oberhalb Sarstedt, der einarmige Korporal Jochen Brand, der da durch den Wald kommt. Er trägt noch immer den militärischen Dreimaster schräg aufs Ohr gedrückt, er trägt noch den blauen Rock, den er bei Minden trug; aber Hut und Rock sind um ein Beträchtliches schäbiger geworden; — sie scheinen in der Bergstadt Grund sich nicht viel aus dem tapferen Stadtkinde gemacht zu haben, und mit der Menage muß es auch nicht weit hergewesen sein. Wohlgefüttert sieht der Korporal nicht aus, und die schmutzig-roten Aufschläge an Kragen und Ärmel sind die munterste Farbe an ihm.

Aber immer noch schwingt er den Wanderknittel in der heilen Linken zu den alten Fechterkunststücken; es scheint ihn wenig zu kümmern, daß die Jacke nur noch einen der Messingknöpfe mit dem F. R. — Fridericus Rex — aufzuweisen hat — der Knopf genügt immer noch, den leeren rechten Ärmel auf der braven, breiten, wetterfesten Brust festzuhalten.

Er kam den Berghang herunter aus der Dämmerung des Waldes hervor und stieß einen lauten Hollaruf aus, als er das Dach der Mühle unter sich sah. Drei mächtige Hunde mit Stachelhalsbändern heulten die Antwort und stürzten sich durch den Bach dem Nahenden entgegen; als sie ihn aber erkannten, begrüßten sie ihn freundschaftlich, und das nämliche tat der Herr des Hauses, der jetzt in seine Tür getreten war und unzweifelhaft einer etwas genaueren Beschreibung würdig ist.

Es war ein kleines, alraunenhaft aussehendes Kerlchen, das Meisterchen Radebrecker. Man war durchaus nicht sicher, ob der alte Bursch nicht einst als die schlimme Wurzel unter dem Galgen ausgerissen worden war und den entsetzlichen Schrei der Sage ausgestoßen hatte. Aber wenn’s sich so verhielt, so war der Alraun doch allgemach gewachsen und hatte es zu einer Höhe von fast fünf Fuß gebracht. Für ein bescheiden Gemüte war ein ganz menschenähnliches Individuum aus der Mandragora geworden. Ob die rauhhaarige Pudelmütze mit dem grauen, zotteligen Köpfchen des Alten geboren worden war, konnte niemand wissen, aber niemand erinnerte sich auch, ihn je bei Sommer und Winter, bei Tag und Nacht ohne dieselbe erblickt zu haben. Seitwärts geneigt trug er das Köpfchen auf der einen Schulter und als Gegengewicht ein Buckelchen auf der anderen. Sein Gehör war so scharf wie seine Augen, obgleich manche Leute seltsamerweise meinten, das eine sei so schwach wie die anderen; wenn sie dann des Gegenteils zu ihrem Schaden gewahr wurden, wunderten sie sich gar noch.

Als der Einarm unter den letzten Bäumen hervortrat und über die Steine im Bette der Innerste wegstieg, nahm der kleine Greis die kleine Tonpfeife aus dem zahnlosen Munde und kicherte:

„He, he, auch der wieder! Sieh, sieh, guck, guck, auch Er kann es noch immer nicht lassen; — da ist Er ja wieder! — Es ist ein Prachtmädchen! Sie tut es ihnen allen an, und wie sie sich auch wehren mögen, sie können nicht davon lassen. Der liebe Gott hat mich in Wahrheit mit einem guten Kinde gesegnet, und es ist immer noch, wie’s in dem Buche steht: ‚Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt.‘“