Sie fingen sie alle, und eine Stunde später war alles bereit zum Abmarsch in Kolonne nach Lautenthal. Die Jungfer Doris ging allein ungebunden im Zuge; den übrigen waren sämtlich die Hände mit tüchtigen Stricken auf dem Rücken zusammengeknebelt. Dem armen einarmigen Korporal Jochen Brand hatte man wenigstens ein Seil um das linke Handgelenk gelegt, und er marschierte im gleichen Schritte höchst verwundert hinter dem französischen Korporal und Leutnant, die das Füsilier-Detachement kommandierten, welches sich die kurfürstlichen Forstmeister und Amtmänner von Wildemann und Lautenthal zu ihrer nächtlichen Expedition als Beihülfe vom Kommandanten von Goslar verschrieben hatten. Er machte nicht einmal den Versuch auf diesem Marsche, die fremden Kameraden zu der Überzeugung zu bringen, daß er besser sei als die Gesellschaft, in der man ihn gefunden hatte. Auch die Innerste ging still durch den stürmischen Wald mit; was sonst noch von den kurfürstlichen und königlichen Jägern, Justizleuten und den fremdländischen Kriegsmännern mitgenommen wurde, fluchte bis auf den Meister Radebrecker, der sich am wenigsten in das Ding zu finden wußte und seinen Tränen den freiesten Lauf ließ. Leider hatte man aber ihm auch die Hände am festesten auf dem Buckel zusammenschnürt.
Elftes Kapitel.
Und die Innerste wurde sehr schlimm im Laufe des nächsten Monats. Gewaltige Regenstürme brachen mit dem rasenden Winter über das Gebirge herein, und alle Waldwasser schwollen auf wie seit Menschengedenken nicht. Nun toste die Hexe zwischen den Felsen und Fichten und verübte Unheil, so viel sie vermochte. In Wildemann und in Lautenthal hatte das Hüttenvolk bei Tag und Nacht zu wehren, daß sie nicht alles ruinierte; aber in der Sägemühle zwischen den beiden Bergstädten befand sich niemand mehr, der ihr wehren konnte. Da trieb sie ihr tolles Spiel nach Herzenslust. Sie nahm das alte Rad in Trümmern mit; sie brach in das Haus und bedeckte alles, so weit sie reichte, mit Kies und Puchsand. Sie zerfraß die Wände und warf die Pfosten um; wie eine Tigerkatze spielte sie da mit ihrer Beute.
Radebreckers Mühle stand für immer verlassen seit jenem Abend, wo die ewige Gerechtigkeit ihre Hand vermittelst der Hände der nächsten Behörden dranlegte. Nach den hannoverschen Grünröcken und den bunten Jacken des Herzogs von Richelieu bei Nacht waren noch einmal gar würdige Herren in schwarzen Röcken und amtsmäßigen Perücken bei Tage dagewesen, hatten noch einmal eine genaue Untersuchung des Ortes angestellt und auch mancherlei Dinge zum Kopfschütteln, Aha und Oho gefunden. Nachher mochten Eule, Wolf und Luchs ihr Quartier da aufschlagen; das peinliche Gericht kümmerte sich nicht weiter drob. Was von den Ruderibus noch für Menschenbedürfnis zu brauchen war, das wurde im nächsten Frühjahr und Sommer so nach und nach abgeholt von Leuten der Umgegend, die altes Eisenwerk gebrauchen und dergleichen nicht am rechten Orte kaufen wollten.
So war es im Harz. Wir aber folgen dem Laufe der Innerste wiederum in die Ebene hinaus.
Greulich wälzte sich den ganzen November durch die trübe Flut in das Hildesheimische, und manchen Ortes bekam mehr als ein braver Mann Gelegenheit, sich ein Lied von den zeitgenössischen Poeten zu verdienen, kriegte jedoch, so viel uns bewußt ist, keines. Auch die Mühle zwischen Groß-Förste und Sarstedt hatte ihre liebe Not, sich der bösen, schlammigen Strudel zu erwehren; und was man an Tischen und Bänken und sonst dergleichen auffing an dem Wehr, damit hätte man beinahe einen vollkommenen Haushalt einrichten können.
Aber der junge Meister Bodenhagen hatte einen eingerichteten Haushalt. Er zog das angeschwemmte Geräte nur aufs Trockene und wartete, daß die richtigen Eigentümer kamen und es wieder abholten. Einmal kam auch eine leere Wiege die Innerste heruntergeschwommen, aber auch deren bedurften Müller und Müllerin nicht; — sie hatten vorsorglich eine solche bereits auf dem Hausboden stehen und wollten sich von der Innerste am allerwenigsten eine schenken lassen. Am fünfzehnten Dezember kam wieder Besuch — unerwarteter Besuch — ein Gast, der jetzt zum dritten Male eingekehrte und im Februar versprochen hatte, daß er erst zur Taufe wieder erscheinen wolle; — um aber zu taufen, mußte doch erst das Kindlein vorhanden sein und die Wände beschreien! Der Gast aber sah gerade nicht danach aus, als ob er noch sehr zu dergleichen Festivitäten und sonstigen häuslichen und öffentlichen Lustbarkeiten aufgelegt sei.
Der Korporal Jochen Brand kam mit wunden Füßen, halb verhungert, in Lumpen, daß es ein Abschreck war, und um allem die Krone aufzusetzen, aus dem Gefängnis zu Wildemann.
„Wenn ich seit Torgau unter den Toten in der Grube gelegen hätte, könnte ich mir selber nicht zum größeren Abscheu sein!“ ächzte er, vor dem erstarrten, die Hände zusammenschlagenden jungen Paare in der Mühle auf die Bank fallend. —