Der Soldat hatte gesprochen, der buckelige Knecht vom Klöpperkruge aber hat etwas von einer Großschnauze gemurmelt, und daß er wisse, was er wisse. Die anderen haben einen Moment stockstill gesessen, denn jetzt hat sich der Sturm im Walde ärger denn je hören lassen, und es ist ein Heulen und sonstiger Lärm geworden, daß jeder sich geduckt hat, als komme ihm schon das Dach über den Kopf herunter, oder die schwarze Pferdelende durch den Schornstein, um jedweden Spötter vom Stuhl und Tisch zu schlagen. Nach dem angsthaften Hinhorchen aber nahm ein eisgrauer alter Sünder die Pfeife aus dem Munde und sprach, zu dem Einarm gewendet:
„Wenn Er das Seinige im Felde mit dem Zieten erlebt hat, Korporal, so sei Er dankbar dafür; aber wenn Er in dieser Nacht noch etwas dazu erleben sollte, so sitze Er nur ja still und halte den Mund und sich dazu mit beiden Händen an dem Stuhl. Man hat Exempel, daß noch ganz andere Kerle als Er, Korporal Brand, dem Herrn von Hackelberg Hohn gesprochen und nachgerufen haben, und es ist ihnen jedesmal übel bekommen. Der Buckel da hat ganz recht; es ist eine Nacht für den wilden Jäger, und vielleicht tut Euch der Ritter den Gefallen, Jochen, und weist Euch, daß er doch noch besser reitet als Seidlitz bei Roßbach. Ich rate Ihm aber dann, ihm nicht nachzuzischen von der Tür aus, wenn Er sein Horn über dem Kopfe schallen hören wird.“
„Hoho!“ lachte der tapfere Kriegsmann, doch die Doris Radebrecker gab jetzt auch wieder ihr Wort dazu.
„Jawohl, hoho, Kamerad!“ rief sie. „Ich rate Ihm auch, sich zu hüten vor dem Volk in der Luft, Wald, Feuer und Wasser. Ich sage Ihm auch ein Exempel: hat Er etwan nicht erfahren, wie die Innerste da drüben im Lande vor dem Harz schreien kann? Weshalb sollte der Ritter Hackelberg nicht sein Jagdhorn in der Luft blasen? Jetzo aber lasset den Mann da aus Wülperode mit Ruhe verzählen, was sich zuletzt mit ihm — den wilden Jäger meine ich — begeben hat.“
„Mit Pläsier,“ sagte der Soldat lachend. Der Bucklige aber ließ nicht lange bitten und erzählte halb flüsternd:
„Einer von den Herzogen von Anhalt Jägerei hat ihn zuletzt verspürt. Sie haben ein groß Treiben gehalten mit den Wernigerödeschen, und nach dem Treiben haben sie, die Bernburger und die Gräflichen, die Nacht durch am Hartenberg in einer Köte gelegen, die vornehmen Herren in der Köte, die Gemeinen beim Feuer im freien Forst. Der aber, den ich meine, ein Junger vom Adel, hat ein hübsch Mädchen gewußt auf einem Försterhofe, den ich kenne, und ich nicht allein in dieser höflichen hochlöblichen Kompagnie. Und er hat sich schon bei Abenddämmerung weggeschlichen und ist nach Mitternacht pfeifend durch den Wald zurückgekommen, der Köte zu, allwo die anderen lagen. Am Buchenberge hört er’s auch einmal von ferne: Hoho, hoho, wod, wod, ho, hallo! Sie haben ihn jetzo bei einem Doktor — er ist nicht bei Sinnen, denn er hat sich in seinem Vergnügen lustig gemacht über den wilden Jäger in der Luft. Am anderen Morgen hat man ihn gefunden mit zerbrochenem Arm und einer Schlagwunde auf der Stirn, und das ist anzusehen gewesen wie von einem beschlagenen Pferdefuß. Er ist heute noch nicht wieder bei Verstand, und der Hund, den er bei sich gehabt hat, hat sich auch den Verstand abgeheult, und sie haben ihn erschießen müssen; denn der Hackelberg —“
Der Erzähler brach ab und horchte — käsebleich.
„Wod! wod! wod! hoho, hu, kliff und klaff!“ lachte der Korporal noch; aber dann horchte auch er mit allen übrigen starr und atemlos in das Gebrause und Gesause draußen vor Radebreckers Mühle. Durch das Tosen der Windsbraut klang es: Hoho, wod! wod! und dazu das Uhu der Tutursel. Es kam wie Hundeblaff und dann vom Sturm zerrissen der Klang eines Waldhorns, das zum Halali blies! Die Jungfer Doris wollte noch einmal den jachen Schrecken der Mannsleute hellkreischend weglachen; doch da tat’s einen Schlag an die Tür, und dann wurde mit einem Kolben ein Fenster eingestoßen, daß die Glasscherben splitternd zwischen die Gesellschaft fuhren. Die Öllampe erlosch im Windzug, doch von draußen fiel Laternenschein in die Stube, und viele rauhe Stimmen ließen sich nebst den Hunden um die Mühle hören.
„Im Namen Seiner Majestät, König Georg des Zweiten!“ rief jetzt über alle anderen Stimmen eine im Kommandotone weg, und eine zweite schrie womöglich noch gebieterischer: „De par le Roy — sa Majesté Louis Quinze, de France et de Navarre!“ Die Haustür zersplitterte gleichfalls unter den Büchsenkolben der Einlaß Begehrenden, und es kam wieder Vernunft in die Kumpanei!
Sie fuhren mit den scheußlichsten Flüchen durcheinander und suchten nach Auswegen und fanden sie allesamt versperrt und besetzt. Da kamen allerlei Waffen — Messer, Knittel, ja auch Feuergewehre zum Vorschein, doch alles das und die beste Courage dazu konnte wenig mehr fruchten. Der gute Meister Radebrecker fing mit einem Male an zu schluchzen und laut zu weinen und setzte den Mut seiner liebsten Gäste dadurch unter Wasser. Die Störenfriede, die Hausfriedensbrecher hatten doch über bessere Waffen — Jägerbüchsen, Hirschfänger und Musketen mit aufgepflanzten Bajonetten zu verfügen, und nach einem kurzen Geraufe, halb im Dunkel und halb im Laternenschein — einem Tumult, in welchem auch ein weniges Blut floß, war alles in der Buschmühle geordnet nach Wunsche Seiner kurfürstlich hannöverischen Durchlaucht und großbritannischen Majestät Georg Rex trotz der fränkischen Besatzung des Landes.