„Jochen, wenn einer, seit er in der Welt ist, im Traume geht, so bin ich das. Wenn einer sich nie zu schicken gewußt hat, so bin ich’s. Was mein seliger Herr Vater aus dir gemacht haben würde, kann ich nicht sagen; aus mir hat er das gemacht, was ich gewesen bin. Aber mit dir hab’ ich doch in mehr als einer Bataille und Scharmützel Schulter an Schulter gestanden, und du kannst mir das Testimonium geben, daß ich getan habe, was die anderen taten, und ein Mehreres prätendiert selbst unser Herrgott im Himmel nicht von unsereinem. Du bist mein Kriegsbruder und Korporal gewesen und hast auch das Deinige an mir getan —“

Hier lachte der Mann im Bette trotz seiner Schwachheit; doch der andere fuhr fort:

„Und der Oberst Colignon hat doch zu Hunderten und Tausenden Volk vom Ofen, von der Straße, von der Schulbank, dem Handwerk und dem Schreibetisch weggeholt, was leichter wog als ich. Ach, Jochen Brand, wie viele Menschen gehen auf Erden, die nichts von sich wissen, und denen es erst die anderen sagen müssen, was sie sind. Und wenn die Zeiten still sind, dann erfahren sie’s wohl niemals und werden achtzig Jahre und bleiben, was sie waren, als sie zuerst ins Licht guckten. Aber anjetzo bei Krieg, Blut und Brand haben die, welche in die Welt kommen wie aus einem Schmiedeofen, gut lachen und die Nasen rümpfen. Ich aber wollte, mein Lieschen und ich, wir säßen auf einer wüsten Insel und wären mit uns allein und kein Zugang zu uns bis an unser seliges Ende.“

„Groß Wasser rundum! Aber schreien dürfte es nicht, wie die Innerste schreien kann,“ murmelte der Korporal, und der Müller sagte nur:

„Ja!“

Dann hörte man den leichten Tritt der jungen Frau treppaufwärts kommen, und der Korporal brummte:

„Jetzt laß mich erst ausschlafen. Drei Tage brauche ich dazu. Schaff aber den Laudon ab — den Mylord Sackville meine ich; er hält dir die Innerste doch nicht vom Leibe mit seinem Gekläff. Heute weiß ich noch nicht, was oben und was unten an mir ist; aber komme ich wieder auf die Beine, so will ich dir zum Dank für Quartier und Menage und um des lieben Herzens deiner Frau willen den Hofhund spielen. An die Kette braucht ihr mich gerade nicht zu legen, denn davon hab’ ich fürs erste genug gehabt im Turme zu Wildemann.“

Zwölftes Kapitel.

Am fünfzehnten Dezember war der Korporal in die Mühle eingerückt, aber am zwanzigsten erst stand er wieder auf den Füßen, ohne sich an die Wand lehnen zu müssen. Auch das hatte er einzig und allein dem Quartier zu danken; denn selten war ein königlich preußischer einarmiger Unteroffizier so trefflich verpflegt worden wie der brave Jochen Brand aus Grund von dem Müller Bodenhagen und seiner Frau Liese.