„Ich wollte, mein Mütterchen könnte vom Himmel aus observieren, was Sie, junge Frau, an ihrem Jungen tut,“ sagte der Kriegsmann jeden Tag wenigstens ein halb Dutzend Male mit möglichst fester und mannhafter Stimme. „Wissen aber möchte ich, was solch ein armer Bettelmann Ihr dafür wieder zugute tun kann, Frau Bodenhagen?“
„Vorlieb soll Er nehmen, Korporal,“ sagte dann die Müllerin. „Warte Er aber nur bis zum heiligen Christ, da kann Er dann beim Kuchenbacken helfen, und wenn Er da Seine Sache so gut macht wie bei Minden oder sonstwo, so kann Er auch sonst noch Sein blaues Wunder erleben.“
„Dieses glaube ich, ohne daß Sie es beschwört, Lieschen; denn daß man eine Tanne aus dem Holze holt und mit Lichtern putzt und Weihnachten feiert, das ist mir durch den Krieg, als ob’s vor tausend Jahren Mode gewesen wäre. Der König und die Kaiserin und die Franzosen, Russen und Schweden haben solches Pläsier gründlich abgeschafft, und selbst in den Winterquartieren hat man keine Zeit dazu gehabt. Wenn mir aber mein leerer Ärmel es zuwege bringt, daß ich noch einmal die Festtagsglocken läuten höre wie vordem, so schreibe ich einen Brief an den französischen König Louis und bedanke mich noch gar schön für seine sakermentsche Kanonenkugel bei Minden. Übrigens ändert sich das Wetter wiederum. Der nichtsnutzige Stummel brennt heute wieder zehnmal ärger als gestern.“ — —
Das Wetter änderte sich zum Frost, und wir haben zum hundertsten Mal ein Wort über die Innerste zu sagen.
Wenn nämlich der junge Müller vorhin meinte, daß er am liebsten mit seiner jungen Frau von aller Welt abgeschnitten auf einer Insel im Wasser wohnen möchte, so war sein Wunsch zu zwei Dritteln in Erfüllung gegangen. Die Innerste stand ihm auf zwei Seiten um das Haus, trat auf den Hof und überschwemmte den Garten bis unter die Fenster seiner Mühle. Noch eine Spanne höher, und sie stieg ihm in das Haus und machte ihm einen Besuch in der Stube. Seinem Wunsche zum Trotz hatte der Meister Albrecht große Sorge darob.
Gegen Groß-Förste zu war alles ein gelber Spiegel; in der Stadt Sarstedt war die Not ebenso groß wie das Wasser, und in der Stadt Hannover, wo die Ihme und die Leine das Ihrige dazu taten, wie das landläufige und, genau besehen, sehr schlimme Wort sagt, — Holland in Not!
Den ganzen Zwanzigsten über wartete die Hausgenossenschaft mit Spannung auf der Schwelle die weitere Bosheit der Innerste ab. Meister Albrecht und seine beiden Knappen — er hatte sich jetzt zwei Gesellen ins Gewerk getan — legten alle Viertelstunde den Zollstock an; aber gegen Abend erwies sich des invaliden Gastes Armstumpf als ein hauptsächlicher Prophet. Es wurde bitter kalt und das Wasser fiel.
Die Innerste zog sich wieder zurück von dem Hause, aus den Stallungen, vom Hofe und aus dem Garten gegen ihr gewohntes Bett. Auch die Wege nach der Stadt und den umliegenden Dörfern wurden allgemach wieder frei. In der Nacht vom Zwanzigsten auf den Einundzwanzigsten legte sich eine leichte Eisdecke über den Fluß, und am Dreiundzwanzigsten trug das Eis, wenn nicht einen ausgewachsenen Mann, so doch ein Kind. Es kam auch ein Kind, ein kleines Mädchen von Groß-Förste herüber, bestellte einen schönen Gruß und brachte die Botschaft, daß die Leute von Papenbergs Hofe gern am ersten Festtage nach der Kirche zur Weihnachtsfeier kommen wollten; sonsten aber sollte das junge Ehepaar den heiligen Abend allein und für sich nach seinem Pläsier und Gusto feiern.
„Wir sind zu drei mit den Mägden und den Gesellen uns auch genug, Jochen,“ sagte der Müller, und der Korporal meinte: „Mir ist’s recht.“
Es war aber doch ein eigen Ding diese ganzen Tage durch mit dem Korporal. Er war nicht als der Alte vom Bette aufgestanden. Es „murxte“ etwas in ihm; was das sei, wußte er freilich selber nicht. Still und nachdenklich, doch nicht unfröhlich schlich er umher, und am Dreiundzwanzigsten holte er sich des seligen Meister Christians große Bilderbibel vom Schranke und saß fast den ganzen Tag darüber.