Die junge Frau guckte ihm von Zeit zu Zeit über die Schulter, und dann sah er jedesmal ihr mit einem Kopfschütteln in die klaren, freundlichen Augen, und mehrmals sagte er auch ganz weichmütig: „So wunderlich kurios ist mir noch nie zumute gewesen, Frau.“

„Das macht das Ungewohnte, Herr Kamerad,“ meinte die Müllerin. „Er hat die alten Bilder eben lange nicht umgeblättert. Wenn ich Zeit hätte, wollte ich mich wohl zu Ihm setzen und mit ihm die Hirten und Engel und die Propheten und die ausländischen Kamele und Palmenbäume besehen. Als Mädchen hab’ ich mir in diesen Tagen immer ein Stündchen dazu übergespart. Es ist so heimelig, wenn’s draußen so kalt ist und in der Stube so warm und der Kuchen durchs ganze Haus riecht. Es gehört alles zueinander und —“

„Sakerment!“ schrie der Korporal, auf das alte Bilderbuch schlagend, „und kein Mensch sollt’s für möglich halten, daß der Broglio heute noch in Kassel sich verschanzt hält! O Frau Liese, Sie kann doch nicht so darüber reden wie ich, der ich verstümmelt aus dem Kriegsleben komme und alle großen Bataillen des Königs Fritz und des Prinzen Ferdinand mitgemacht habe! Sie sollte es probiert haben im Spital zu Minden und dann unter der Vetternschaft zu Grund und dann in Radebreckers Mühle und zu guter Letzt im Prison zu Wildemann und dann sich plötzlich finden hier in der Friedlichkeit und Stilligkeit. Kotz Blitz, will Sie Ihr lieblich Heimwesen besser kennen als ich? Eins sage ich Ihr: keiner soll mir dran rühren — beim lebendigen Gott und so wahr ich Jochen Brand heiße!“

Die junge Frau war sehr erschreckt vor der ungebührlichen Aufregung und dem Fluchen und Räsonnieren ihres Gastes zurückgefahren.

„Nehme Sie es nicht übel, Lieschen. Ich wollte, ich könnte deutlicher sagen, was ich im Sinn und Herzen habe,“ seufzte der Korporal. „Aber da draußen Albrecht hat recht, und in dieser Minute absolvier’ ich ihn ganz und gar, und er soll das Seinige behalten; niemand — nicht Mann und Weib soll ihn drin verstören, so lange ich’s hindern kann.“

„Wie meint Er denn das, Korporal?“ fragte die junge Frau scheu; doch plötzlich griff sie sich an die Stirn und rief, ganz bleich werdend: „Jesus, Jesus — es ist ja wahr! Das Jahr geht zu Ende und sie hat ihren Willen nicht gekriegt!“

„Jetzt gibt Sie mir eine Nuß zum Knacken, Frau Meisterin!“

„Die Innerste meine ich, Korporal Brand! An dem Tage, als die Mutter gestorben ist, hat sie geschrien, und diesmal habe auch ich mit meinen Ohren sie schreien hören, so wahr ich lebe!“

„Pu-u-uh!“ machte der Korporal und versuchte noch einmal so auszusehen wie in früheren Tagen, wo er den Hut am liebsten schief auf dem Ohr trug. Es kam aber eine Visage dabei heraus, die allzu sehr nach jenem Oktoberabend in Radebreckers Mühle aussah, um vergnüglich sein zu können.

„Mache Sie sich selber keine Dummheiten weis,“ brummte er und fügte sonderbar mürrisch hinzu: „Übrigens aber, Frau Liese, ist ein schwarzes Huhn im Notfall immer noch zu beschaffen.“