„Ich kriege auch meinen Albrecht noch dran!“ rief die Müllerin; dann aber wurde sie von einer eiligen Magd abgerufen, und der Korporal war wieder allein.

„Wunderlich, wunderlich, wunderlich!“ murmelte er, eine der Bildtafeln in der großen Bibel umschlagend. „Ich habe aber mal im Lager bei Krefeld verzählen hören, daß auch der König Fridericus solcherlei Anwandlungen habe. Na, vor Hochkirch hatte er aber keine dergleichen; also verlassen kann man sich auch darauf nicht.“ — —

Am vierundzwanzigsten nachmittags drei Uhr war weißer Sand frisch gestreut in der Stube, und der Korporal wagte kaum noch aufzutreten, als er die Blumentöpfe im Fenster scharf in Reihe und Glied rückte. Als die Dämmerung kam, ging ihm auch die Pfeife aus, und um fünf Uhr saß er still mit dem Müller — seinem früheren Musketier — auf der Ofenbank und blickte durch die Dämmerung mit einer Art von drolligem Respekt auf die noch dunkle Weihnachtstanne, an deren Aufputz er selber mit geholfen hatte. Die junge Frau vernahm man in der Küche, und jetzt legte der Einarm dem Kameraden fast zärtlich die Hand aufs Knie und sagte:

„Kerl, ich habe oft meinen Jokus an dir gehabt, aber diesmal ist’s mir Ernst mit dir! Es ist eine Kriegswelt, und ohne deinesgleichen hätten wir anderen uns schon längst untereinander aufgefressen. Deshalb gibt’s von deinesgleichen am mehrsten auf Erden — der Herrgott hat’s so eingerichtet, und er muß Bescheid wissen. Und weil dieses so ist, so bleib bei deiner Natur, halte dein Haus rein, sei vergnügt mit deinem Weibe und kümmere dich nicht um Dinge, in die du hineingeraten bist wie der Esel in die Dragonerremonte. Augenblicklich aber habe ich dir wie mir nichts weiter zu wünschen, als daß der Christabend zu Ende gehe, wie er jetzo angefangen hat.“

Vergnügte Weihnachten! Eine Stunde später war die ganze Bewohnerschaft der Mühle um die lichterglänzende Tanne versammelt, und der Korporal Brand hielt der Abwechselung wegen den leeren Ärmel mit den Zähnen; er hatte sich mit dem Aufschlage die Augen gewischt, und da er seit seinem Auferstehen vom Bett ganz und gar in einem Kostüm seines Kameraden und Wirtes stak, so wußte er mit den Knöpfen daran noch nie so gut Bescheid wie mit jenem einzelnen Knopf, der ihm im Oktober von der Montur Seiner Majestät des Königs Friedrich von Preußen allein übrig geblieben war.

Arm in Arm standen Müller und Müllerin vor dem Tisch mit dem Tannenbaume, und ein jeder der zwei Mühlknappen hatte seinen Arm um die Hüfte einer der beiden kichernden Mägde der Frau Lieschen Bodenhagen gelegt. Daß der Marschall Broglio zu Kassel lag und die Vorposten der Franzosen über Göttingen und Einbeck und bis in den Harz hineinstanden, kümmerte keinen in der Mühle bei Sarstedt an der Innerste. Sie sahen die Lichtlein und goldenen Äpfel funkeln, sie knackten ihre Nüsse wie die Eichhörnchen im Neste, und dann saßen sie und sahen die Lichter an ihrem Weihnachtsbaum niederbrennen, und die drei Weiber sangen ein Weihnachtslied, in das die Mannsleute hinter ihren Tonpfeifen hineinsummten.

„Die Welt ist im Krieg; wir aber gebrauchen die gute Stunde, Frau Meisterin!“ rief der Korporal fröhlich.

„Das sage ich auch,“ sprach die Frau Meisterin.

„Für das, was sonst kommen kann, haben wir ja auch die vier Büchsen geladen an der Wand, Jochen,“ meinte der Müller. „Im vorigen Monat, als du ruhig im Turm lagst und der Franzos bei Einbeck sich verschanzte, ist das Gesindel oft genug an der Tür gewesen. Die Schererei reißt nicht ab.“

Die beiden Mühlknappen gaben auch ihr Wort dazu; das letzte Lichtlein an der Tanne brannte herunter.