„Heidi!“ rief der Korporal; und der Müllerin kleine Blechlampe lieferte wieder das einzige Licht für die Stube und Kumpanei. Nun schnurrten die Spinnräder wieder, die Männer schmauchten und tranken und sprachen von allerlei Abenteuern, die sie erlebt hatten, jedoch mit „Modestität“, und daß auch das Frauenzimmer sein Behagen dran haben konnte.
Um neun Uhr fing es an zu schneien, und um zehn Uhr fiel der Schnee sehr dicht. Fluß und Land wurden von einer weißen reinlichen Decke überzogen, und nur Gesträuch und Gartenzaun, sowie das Gebüsch am jenseitigen Ufer der Innerste hoben sich schwärzlich im Schneelicht ab. Vom Zieten im Busch kamen die Männer auf ein ander behend Geschöpf im Busch, und wie man das in Schlingen in der Hecke fängt und sich einen billigen Braten im Schlafe schenken läßt. Grinsend legte der Meister Albrecht den Finger auf den Mund und rief:
„Haltet die Mäuler, wir haben sonst morgen benebst der Verwandtschaft die ganze Sarstedter Försterei hier, um uns in die Töpfe zu riechen. Sie wissen immer noch einen Hasen von einem Hammelviertel zu unterscheiden.“
Dabei stand er auf, ging zum Fenster, öffnete es und schob den Kopf hinaus. Kein Lüftchen rührte sich; das weiße Gewimmel kam wie im leichten Spiel vom dunklen Firmament herab, aber ziemlich hell ist es die ganze Nacht durch geblieben, denn der Vollmond hat nicht nur im Kalender, sondern wirklich hinter dem Gewölk gestanden.
„Wenn das so weiter geht, Lieschen, wie’s angefangen hat, so werden Vater und Mutter morgen auf ihrem Wege hierher die Beine hübsch hoch heben müssen. Wir wollen aber eine Wacht stellen, daß sie sich nicht einfallen lassen, schon dem Eis zu trauen. Die Innerste —“
Er brachte das, was er noch sagen wollte, nicht heraus. Hell und klar — ja unendlich melodisch klang ein Ruf durch die Nacht über die Innerste her — ein singender harzischer Bergruf, und in demselben Moment blitzte und krachte ein Schuß aus dem Weidenbusch, und die Kugel streifte dem Meister Bodenhagen die Stirn, fuhr durch die Weihnachtstanne und schlug in die Stubenwand. Zu gleicher Zeit erschütterten heftige Schläge die Tür der Mühle, und ein zweiter Schuß schien in das Türschloß abgefeuert worden zu sein. Die nächtlichen Angreifer waren im Hause, ehe sich ein einziger in der Stube von dem plötzlichen Schrecken aufgerafft hatte. Durch ein greulich Fluchen jauchzte die helle Stimme wieder.
„Jesus Christus, die Innerste!“ jammerte die Müllerin, und die beiden Mägde drückten sich mit Zetergeschrei in den Winkel. Von allen zuerst hatte diesmal der Müller seine Sinne beisammen. Schon hatte er eine der Flinten, von denen er vorhin sprach, vom Nagel gerissen.
„Die Marodebrüder! Ob’s mir geahnt hat?! Hans, Fritz, die Büchsen herunter — Lieschen, unter die Bank — Courage!“
„Courage!“ schrie auch der Korporal, „das Gesindel feg’ ich mit der Linken vom Tisch. Kriecht unter, Weibervolk — da sind sie, und es ist auch nur ein Weihnachtsbesuch!“
Er hatte ein Handbeil aus der Ecke aufgegriffen und trat gegen die Stubentür: „Bon soir, messieurs!“