Er brach ab und sah sich scheu um und legte die Hand auf den Mund. Beinahe hätte er von dem Herzeleid gesprochen, was insbesondere die Innerste ihm und seinen Vorfahren in der Mühle angetan haben sollte; allein er besann sich noch zur rechten Zeit und schwieg. Es ist gewissen Mächten gegenüber stets sicherer, zu schweigen, als sich zu beklagen; aber recht hatte der alte Meister doch in betreff der Charakterveränderung des geheimnisvollen Volkes seit dem Dreißigjährigen Kriege.
Schon lange ging man nicht mehr mit einem bloßen Grusel oder gar einem behaglichen Lächeln zu Bett, wenn man am Winterabend hinter dem warmen Ofen ein neues Histörchen von ihm vernommen hatte. Seit der Schlacht bei Lutter am Barenberge, wo die Liguisten den Dänenkönig klopften und sein Heer ausreuteten, und gar seit der Schwedenzeit hatte sich das gründlich zum Schlimmen und Bösen geändert. Mit der Menschennatur verwandelte sich in jener greulichen Zeit auch der Sinn der Geister in allen Elementen. Wo sie schalkhaft gewesen waren, wurden sie nun boshaft. Ihr spaßig Lachen wurde zu hämischem Grinsen, und wie der Mensch fanden auch die Geister nunmehr ihre Lust an der Grausamkeit, dem Elend, dem Verderben. Es war die Axt an alles harmlose Behagen gelegt worden, und die Leine und die Ihme sahen viel zu viele niedergeschlagene Wälder und verbrannte Wohnstätten der Menschen an ihrem Wege, um bleiben zu können, was und wie sie waren. Was aber die Innerste anbetraf, so gab ein Müller Bodenhagen die Überlieferung, daß ihr nicht zu trauen sei, weiter an den andern. Es ging kaum ein Jahr vorbei, ohne daß man sie schreien hörte — kein Auftauen des Winterschnees, ohne daß sie das Land weit und breit überflutete. Die Leute in der Mühle jedoch hielten das Schreien für das Schlimmere und Unheimlichere.
Gegenüber dem Mühlengarten zog sich am andern Ufer ein ziemlich dichtes, ineinander geflochtenes und gewirrtes Erlen- und Weidengebüsch hin, und gerade dem Orte gegenüber, allwo der alte Meister Bodenhagen an seinem Zaune lehnte, hatten die Wirbel das Erdreich unter einem knorrigen Stamme weggespült, der Baum hatte sich gesenkt, lag mit dem Gezweig im Wasser und streckte sein verworren Wurzelwerk in die Luft: die Nixen spielten auch den Baum- und Buschnymphen ihre Streiche, wo sie es konnten.
„Guten Morgen, Herr Vater!“ sprach es plötzlich von dort herüber, und der Alte, von den Wasserperlen der Innerste mit einem heftigen Schrecken in die Höhe sehend, hielt sich mit beiden Händen am Zaune.
„Schmeckt Ihm sein Pfeifchen wie sonsten? Es soll mich freuen,“ erscholl es wieder, und die Pfeife wäre fast dem Munde des Müllers Bodenhagen entglitten. Er griff aber doch noch danach, wie der Held der Pfeffelschen Ballade, und legte die zitternde linke Hand über die Augen — traute ihnen noch immer nicht und starrte wortlos über sein Mühlenwasser nach dem Weidenstamm hin.
Da saß auf dem klumpigen Wurzelwerk, das in der Tat einen recht bequemlichen Sitz bildete, ein Mensch, der sich immer noch nicht wie ein Phantom in dem flimmernden Sonnenschein auflösete oder in das Wasser, aus dem er auch vielleicht aufgestiegen sein konnte, zurücksank. Ein Mensch, ein richtiger Mensch, aber nicht gar erfreulich anzuschauen! Er trug einen zerlumpten blauen Rock mit schmierigen roten Aufschlägen, Kragen und Futter; er trug gelblich-schmutzige Kniehosen und zerfetzte Gamaschen; und den dreieckigen alten Soldatenhut trug er schräg über das eine Auge gedrückt, über dem andern eine Binde. Wie der greise, weiße, reinliche alte Müller hielt er auch eine Tonpfeife zwischen den Zähnen, und jetzo legte er militärisch grüßend die Hand an den Hut und rief von neuem über die Innerste:
„Ich wünsche dem Herrn Vater den allerschönsten guten Morgen und rekommandiere mich fürs geschlachtete fette Kalb. Ich bin’s, Herr Vater, und frage an, ob Er und die Frau Mutter was dagegen einzuwenden haben, daß ich über den Steg laufe und den lieben Eltern mit Tränen in die Arme renne?“
Der Alte stieß ein Gestöhne aus; aber zu antworten vermochte er noch nicht.
„Nun, wie ist’s?“ fragte der Blaurock von jenseits her. „Soll es heißen: Pardon, Grenadier; oder gebt Ihr kein Quartier? Hunger, Durst und einen zerschlagenen Kopf bringe ich mit, ich komme aus dem Westfalenland, und es ist uns als wie den hohen Alliierten und dem Herzog Ferdinand herzlich schlecht ergangen. Sage Er Quartier, Herr Vater — ich bringe zu allem übrigen ein gebessert Gemüte und weiß nun aus der Erfahrung, daß es zu Hause bei der Frau Mutter am besten ist. Mache Er ein Ende, Vater, und lasse Er mich wieder ein; es ist mein blutiger Ernst, und ich habe beides satt, den Krieg wie das Wandern!“
„Ist Er es? Oh!“ ächzte der Alte; aber er antwortete den Fragen von dem anderen Ufer der Innerste auch jetzt noch nichts. Er ließ den Zaun los und drehte sich um und wackelte dem Hause zu durch den engen Gartenweg, beide Hände mit ausgespreizten Fingern vor sich hinstreckend, als müsse er seinen Weg durch eine dicke Finsternis tasten. Aus dem Garten trat er in die Küche, wo seine graue Frau am Herde wirtschaftete, und er setzte sich stumm auf die Bank neben dem Herde, und die Müllerin ließ erschreckt ihren Topf und Löffel und schrie: