„Hops über, Herr Unteroffizier, wir springen ihnen auf den Buckel!“ rief der tapfere Mühlknappe, und sie schwangen sich ein jeder aus einem der beiden Fenster und fielen den nächtlichen Räubern wirklich in den Rücken, der eine mit seiner Handaxt, der andere mit dem Kolben. Wie nicht ganz selten in dergleichen Fällen übertraf der Erfolg die Erwartung. Der Schnee fiel stärker denn je; die Marodebrüder hatten mehr als einen guten Mann verloren, und eine Panik fiel über sie. Sie wichen zurück und gerieten, wie das dann gewöhnlich zu geschehen pflegt, ins Laufen. Auch der Meister Bodenhagen und der Knappe Fritz sprangen jetzt hervor aus ihrer Verschanzung, und es wurde eine Verfolgung durch den Garten gegen die Innerste zu. Noch ein kurzes Ringen fand auf dem Windeise des übergetretenen Flusses statt, und da ertönte zum letzten Male, aber auch am markdurchdringendsten, der schlimme gespenstische Schrei: es ging ein Knattern durch das Eis — das Wasser bekam doch seinen Willen in diesem Jahre Siebenzehnhundertsechzig: unter dem Eise weg trieb eine Weiberleiche abwärts gegen die Stadt Sarstedt zu, ist jedoch erst im März des nächsten Jahres, als der Tauwind blies, zutage gekommen.

In Sarstedt wie in Groß-Förste hatte man nun aber allgemach die Überzeugung gewonnen, daß das Flinten- und Büchsenfeuer mitten in der Nacht irgendeinen Grund habe, und zwar einen bedenklichen. Im Dorfe zog man die Sturmglocke, und von der Stadt her kamen Bürgermeister und Bürgerschaft wirklich zum Sukkurs.

Man kam mit Laternen und Fackeln und allen möglichen Gewaffen und verwunderte sich über die Art, in welcher die Mühle des Meisters Bodenhagen die Weihnachten hatte feiern müssen. Drei Leichen und fünf mehr oder weniger schwere Verwundete ließen die Marodeurs vor der Mühle zurück, und einen toten Raubvogel hob man im Hausgange auf. Die männlichen Bewohner der Mühle bluteten sämtlich, doch nur aus leichten Wunden, bis leider auf den tapferen Korporal Jochen Brand, den man am Rande der Innerste unter dem Gartenzaun bewußtlos in seinem Blute liegend fand. Ein Messerstoß hatte ihn in die Seite getroffen über der rechten Hüfte, und er kam nur noch einmal zum Bewußtsein, und zwar am folgenden Morgen, als in Dorf und Stadt die Glocken zur Weihnachtsfrühkirche läuteten und das Singen durch die Christenwelt anhub: dies est laetitiae, oder zu deutsch: der Tag, der ist so freudenreich, wie es seit vielen, vielen hundert Jahren gesungen wird in den Kirchen.

Da sprach der Korporal mit schwacher Stimme zu dem jungen Müller:

„Lebe wohl, adjes, Musketier Bodenhagen; du hast deine Sache gut gemacht, und ich habe meine Lust an dir gehabt. Halte dich fernerhin gut und halte dein lieb Weib gut. Es war die Radebreckersche; — es war — unsere Doris, mit der ich mich auf dem Eise zerrte! Sie ist immer so gut gewesen wie ihr Wort; aber den Stoß hab’ ich doch eigentlich nicht von ihr verdient, denn ich war der einzige von allen Gästen der Buschmühle, der’s gut mit ihr meinte — besser als nach ihren Meriten. Wer kann aber wider das wilde Wasser, und wo sollte die arme Kreatur hin aus dem Turm in Wildemann? Ich bin zu dir und deiner Liese gekommen, aber für sie war keine Zuflucht als die Lagerkameradschaft, der Krieg mit der Welt bis aufs Messer und was dran hängt an dem Kriege! Adjes, Albrecht, ich mache mir nichts draus, und ich glaube, sie macht sich auch nichts draus, daß es zu Ende ist.“

Der Müller weinte, und als dann die Müllerin in die Kammer kam, weinte sie gleichfalls, und beide mit vollem Rechte.

„Adjes, Frau Liese,“ sagte der Korporal noch schwächer als zuvor. „Vor der Innerste braucht Sie keine Furcht mehr zu haben, junge Frau; sie hat ihr schwarz Huhn. Aber mit meiner Gevatterschaft ist’s auch nichts; — es war kurios, aber ich habe mich die letzten Tage über gar nicht mehr drauf gefreut. Gott helf’ Euch durch die Zeit; — König Fritzen geht’s auch hart — vivat Fridericus! Durch kommt er doch, und Friede wird auch; — ich habe den meinigen heute schon versiegelt und bin ganz im Reinen. Ein unnützer invalider Vagabond war ich doch, und der beste Kamerad wäre auf die Länge meiner überdrüssig geworden.“

Durch sein Schluchzen wollte der Müller dem Sterbenden noch ein Wort dreinreden in sein letztes Wort; doch es ist immer ein bedenklich Ding, das Dreinreden in ein letztes Wort.

Wie gesagt, auch diese Mühle an der Innerste steht heute nicht mehr; aber es haben nach dem Meister Albrecht noch zwei Bodenhagen drauf gesessen. Erst seit dem Jahre 1803, als die Franzosen unter Mortier im Hannoverschen waren, ist sie allgemach nahrungslos geworden und endlich um das Jahr 1820 abgebrochen. Die Innerste ist reguliert worden wie die Ihme und die Leine; sie hat zwar auch jetzt noch ihre Nücken und Tücken und verlangt dann und wann wohl ein Lebendiges zum Fraß; aber daß sie danach schreie, glaubt heute kein Mensch mehr.

Anmerkungen zur Transkription