Sie wußten im achtzehnten Jahrhundert, selbst in der rand- und bandlosesten Zeit des Siebenjährigen Krieges, immer noch in der richtigen Art und Weise mit den verlausenen Herren Söhnen umzugehen, die Herren Väter. Sie hatten es gelernt von Seiner königlichen Majestät in Preußen, Friedrich Wilhelm dem Ersten, und waren imstande, Seine Majestät König Fritz den Zweiten als glorreiches Exemplum hinzustellen und sich des weiteren und breiteren darüber zu ergehen, daß der das hispanische Rohr selber fühlen müsse, welcher es einmal selber führen und andere, als z. B. die Kaiserin Maria Theresia und den französischen König Louis, fühlen lassen wolle.

Drittes Kapitel.

Es war der gutmütige und handfeste Mühlknappe Barthold Dörries aus Dielmissen, der dem zornigen Hausvater endlich den Stab Wehe entrang und den Haussohn vor dem Schicksal errettete, zu fein gemahlen zu werden. Auch das übrige Gesinde sprang endlich zu; dann kam die Mutter und am andern Morgen die ganze umliegende Landschaft zu Worte. Letztere behielt es längere Wochen hindurch über die Vorgänge in der Sarstedter Mühle.

Es gibt nicht wenige Leute, die, wenigstens zu einer gewissen Lebenszeit, einen schlimmen Ruf für besser als gar keinen halten; allein es gehört Charakter dazu, diese Ansicht bis zum Ende festzuhalten, und solche Seelenstärke besitzen freilich nicht alle. Albrecht Bodenhagen besaß sie sicherlich nicht.

Er hatte genug des Ruhmes oder Rufes und gab, wie man das nennt, klein bei; und auch darüber machte die Umgebung dann natürlich wieder ihre Glossen.

Selten sind zu irgendeiner Zeit so viele Kornsäcke nach der Mühle an der Innerste getragen und gefahren worden als in jenen Tagen. Ein jeglicher wollte den verlorenen Sohn sehen, ein jeglicher gern ein Wort mit ihm reden, und manch einer kam zu seinem Zweck zum großen Verdruß des Heimgekehrten, dem beides ein Greuel war, das Vermahnen sowohl als das Beglückwünschen, und der jedem Gevatter und jeder Gevatterin unter dem wachsamen Auge des Herrn Vaters still zu halten hatte. So blühte mit dem Geschwätz das Geschäft, und die Räder drehten sich, und der Laufer drehte sich auch, und die Innerste quirlte lautlos ihr schmutzig Wasser vorbei und nach Sarstedt, um jenseits der Stadt andere Mühlen zu treiben und auf anderer Leute Angelegenheiten tückisch Achtung zu geben. Das geht uns aber nichts an.

An einem Donnerstage war Albrecht nach Hause gekommen, und am Sonnabend kam nach alter fester Sitte der Balbierer von Sarstedt, um dem Meister Christian den Wochenbart abzunehmen. Stumm und mürrisch ließ sich der Alte an der Nase ziehen, drehen und wenden und das Messer gewähren; aber nachdem das glattmachende Werk an ihm vollendet war und er den Schaum abgetrocknet hatte, winkte er dem Sohn auf den Stuhl, und der kriegerische Schnauzbart desselben fiel dem Messer geradeso zum Opfer wie die Wochenstoppeln des Vaters. Der tapfere Kriegsmann ging mit einem ganz anderen Gesicht aus der Prozedur hervor, und die Hausgenossenschaft wie die Umgegend hatten von neuem Grund, sich zu verwundern.

Es war doch etwas an dem Wort des Alten vom Hasen im Marderpelze! Eine gar gutmütige und augenblicklich gar melancholische Menschenvisage kam hinter dem grimmen Bart zum Vorschein. Es fehlte weiter nichts als eine weiße gestrickte Zipfelkappe zu einer weißen Müllerjacke, und als am Sonntagmorgen die Mutter mit Freudentränen im Auge dem Söhnchen beides brachte, und er mit der Kappe über den Ohren zur morgendlichen Biersuppe schlich, da mangelte nichts an der Verwandlung zum Besseren, und die Böswilligsten und Mißtrauischsten mußten zugestehen, daß sie doch wohl an dem „wilden“ Bodenhagen sich geirrt haben könnten. Nun fehlte bald wenig, daß der verlorene Sohn durch das halbe Fürstentum Kalenberg und das ganze Fürstentum Hildesheim als ein Muster aufgestellt worden wäre. Entrüstete Väter und betrübte Mütter waren jetzo um so geneigter Beifall zu nicken, als sie vordem den braven Albrecht als schlechtes Exemplum für ihre eigenen wilden Sprößlinge verwünscht hatten. Auch die Jungfern in der Stadt und auf dem Lande guckten auf und hin, und manch ein Mägdelein machte sich ein Geschäft in der Mühle, das ein anderer ebenso gut oder besser hätte ausrichten können.

Am 1. August fiel die Schlacht bei Minden, und am 12. desselbigen Monats die bei Kunersdorf vor, in welcher es dem alten Fritz so herzlich schlecht erging. Nach der letzten Bataille verschwand eines Tages der Knappe Dörries aus der Mühle; er war nach Pattensen auf den Jahrmarkt gezogen, sich einen vergnügten Tag zu machen und eine neue Mütze zu kaufen. Beides soll er zustande gebracht haben, dem Gerüchte nach; aber auf den vergnügten Tag folgte auch eine kreuzlustige Nacht; der gute Barthold ist nicht nach der Mühle zurückgekommen; der Oberst Colignon hatte auch ihn, und schon am 21. November hat ihn bei Maxen ein Stück von einer Haubitzgranate des Feldmarschalls Daun zu den übrigen auf den Boden gelegt. Es war schade um ihn, und der König Friedrich ist nachher auch sehr ergrimmt darob auf den Herrn General von Fink gewesen, hat ihn vor ein Kriegsgericht gestellt und auf die Festung gesetzt, aber den guten Barthold nicht wieder lebendig dadurch gemacht.