Meister Christian Bodenhagen in der Mühle an der Innerste nahm keinen andern an seiner Statt an. Er hatte ja seinen Sohn zurück und konnte ihm aufladen, was ihm beliebte; und Vater, Mutter und Kind waren und blieben allein und feierten Weihnachten im engsten Familienkreise. Man hat diesmal aber nicht gesehen, daß sie einen Tannenbaum mit goldenen Äpfeln und Nüssen behängten und mit Lichtern besteckten. Es wäre auch schade um den Baum gewesen, denn in diesem Jahre schwamm der ganze Torgauer Wald die Elbe hinunter nach Hamburg und durch des Obersten Colignons Werbetaschen so nach und nach in die Taschen von sechzigtausend neuen Rekruten. Und was an gutem Holz in den Lagern von Dresden, Freiberg und Dippoldiswalde in den Brandhütten der Österreicher und Preußen in Rauch aufging während des harten Winters, ist von der gütigen Mutter Natur auch erst lange Zeit nachher ersetzt worden.

Um Weihnachten drehte sich das Rad noch; aber dann kam der Frost, die Innerste wurde zu Eis, und die Mühle stand still. Da hat man Zeit gehabt, allerlei miteinander zu überlegen, und über allerhand Vergnügliches und Zärtliches zu einem festen Beschluß zu kommen. Bald hat man es weit und breit gewußt, daß der Vater Bodenhagen mit großem Nachdruck von dem Sohne verlangt habe, er solle ihm nun auch eine junge Frau ins Haus bringen und zwar schon zu Ostern des kommenden Jahres. Rundum haben die Jungfern aufgehorcht; aber auch nicht wenig die Näschen gerümpfet, als sie zu dem übrigen vernahmen, daß sie keine Stimme bei dem Handel haben sollten, daß derselbige schon so gut wie abgemacht und durch Handschlag zwischen den Eltern besiegelt worden sei; daß der Albrecht ja gesagt habe, ohne sich lange zu zieren und zu besinnen, und daß die Braut zu Groß-Förste sitze und wirklich niemand anderes sei als Lieschen Papenberg, des Brinksitzers Papenberg einzige Tochter!

Das hatten sie nicht erwartet, die Jungfern in der Stadt Sarstedt und sonst im Fürstentum Hildesheim. Nun hatten sie sich zum zweiten Male in dem Albrecht Bodenhagen geirrt, aber voraus zu sehen war’s doch gewesen; denn ein Mensch, der so fortlief in die Welt und so wiederkam und so weichmäulig und so weiß, so hammelweiß vom Mehlstaub über die Gartenhecke greinte, dem konnte man alles zutrauen, selbst den schlechtesten Geschmack im Lande, weit über den Deister hinaus und bis tief hinein in die Lüneburger Heide.

So dachten und zischelten die Jungfern hinter den Türen, auf den Dorfgassen, am Brunnen und hinter den Spinnrädern; aber die Eltern dachten anders und nannten den Meister Christian einen Hauptkerl, der es verstehe, einen Windhund an die Leine zu nehmen, und auf die Haus- und Staatsräson fast ebensogut ausgelernt habe wie der preußische König Fritz und sein Herr Vater Friedrich Wilhelm.

Man hat auch das Lieschen gefragt, wie ihr denn eigentlich nun zumute sei? und sie hat den Schürzenzipfel an den Mund genommen und gemeint, das sei eine dumme Frage. Dabei aber hat sie gekichert, und die Fragerin hat auch nichts weiter gewußt, als gleichfalls zu kichern, ist jedoch hingegangen und hat, drei Häuser weiter, erzählt: ihr sei eben eine Gans über den Zaun geflogen, der sei sie nachgelaufen bis auf Papenbergs Hof, und da habe sie sich beinahe vergriffen und das Lieschen dafür am Flügel genommen; solch ein kurios Gegacker sei seit Erschaffung der Welt nicht erlebt worden, und auf die Hochzeit sei das ganze Freikorps des Obersten Bauer geladen, dazu aus Böhmen viele schöne Fräulein; wer aber zu allererst gebeten sei, das sei die Müllerstochter oben im Harz, die auch an der Innerste sitze und tagtäglich ihre Grüße mit dem Wasser herunterschicke, wie der arme Barthold Dörries das ja hundertmal erzählt habe. Dem sei nun, wie ihm wolle, gelacht mußte Lieschen Papenberg haben: wer das Mädchen lachen sehen wollte, der konnte überhaupt leicht dazu kommen. Es war ein fröhliches Ding von den Kinderschuhen an gewesen, brachte von Natur ein vergnügt geduldig Herz mit zu allem, was die Frauen erleben können auf dieser Erde; die Innerste hüpfte da oben in den Bergen, an ihrem Geburtsorte im Walde nicht unschuldiger, klarer und lieblicher in die Welt hinaus.

Gegen Ende Februars, als es in Schlesien und Sachsen wieder lebendig wurde und überall das Eis aufging, schrie die Innerste im neuen Jahre 1760 zum ersten Male, aber die junge Braut hat sie damals noch nicht schreien hören.

Viertes Kapitel.

Es war ein Sonntag, und die Kirche war überall zu Ende im Lande. Der Tag war regnerisch, doch konnte man gerade nicht sagen, daß es regne; es war eben ein Tag im Hornung, und man mußte das Wetter nehmen, wie es sich gab. Der junge Müller befand sich allein zu Hause, beide Alten mit den Mägden waren nach Sarstedt zur Kirche und konnten kaum vor Mittage zurück sein. Das Rad war gestellt, und der junge Müller lag faul auf der Bank am Ofen und hörte der Uhr zu, die hinter seinem Kopfe im Winkel tickte. Die Hauskatze saß zu seinen Füßen auf der Bank und putzte sich über die Ohren; denn es war Feiertag, und dazu sollte am Nachmittage Besuch kommen: Jungfer Lieschen mit Vater und Mutter, der Vetter und die Base aus Harsum, ja, auch die Verwandtschaft aus Groß- und Klein-Algermissen wollte kommen, und am Abend sollte es hoch hergehen in der Mühle.

Der Haushund kam von Zeit zu Zeit und leckte dem Träumer auf der Bank die Hand; dann sagte der junge Müller: