„Nieder, Laudon! Gib dich zu Ruhe; ich habe mich auch zu Ruhe geben müssen.“
Er gähnte schläfrig, und doch zogen ihm allerlei bunte Bilder durch den Kopf. Da dachte er, daß er nun bald ein junges Weib haben werde, und lächelte. Dann fragte er sich, wie es dem Alten und der Alten wohl auf dem Altenteil gefallen werde, und kratzte sich hinter dem Ohre. Nun richtete er sich auf dem Ellenbogen halb empor und drehte sich gegen das Fenster, um nach dem grauen Gewölk zu sehen, und da mußte er an die Kriegsvölker im Westen und Osten denken, mit denen er’s vor einem Jahre noch hatte Frühjahr werden sehen, — es war ihm, als höre er fern die Trommeln und die Trompeten, und auf einmal die ersten Schüsse von den Vorposten her. Er schüttelte sich, schob von neuem die Hände unter den Hinterkopf und seufzte:
„Uh!“ —
Mit einem Male aber setzte er sich aufrecht, daß die Katze erschreckt von der Bank sprang und Laudon am Ofen verwundert den Kopf erhob. Es war so still in der Stube, daß man außer dem Picken der Uhr nichts weiter hörte, als dann und wann ein lauteres Rauschen der Innerste, und die Innerste war’s eben, die den jungen Müller Albrecht Bodenhagen so jach aufgejagt hatte. Er war in seinen schläfrigen Phantasien, anfangs ohne darauf zu achten, an dem Wasser hinaufgeschritten, und plötzlich —
Der Hund stand und bellte gegen die Tür, und der Müller sah verstört darauf hin; es hatte gepocht, und es pochte jetzt noch einmal.
„Herein!“ rief Albrecht, doch es kostete ihm Mühe, das kleine Wort hervorzubringen. Mit stieren Augen sah er auf die Tür —
„Bon jour!“ sagte der eintretende Besuch, den Hut abnehmend, und zwar mit der linken Hand. Rechts trug er nur einen an die Jacke geknöpften Ärmel. „Bon jour! Richt’ euch! Na, Musketier, hat Er’s so schnell verschwitzt, wie der Soldat sich gegen seinen Vorgesetzten zu behaben hat? Tausend Donnerwetter, soll ich Ihm die Hände an die Naht bringen, Musketier Bodenhagen? Ja, ja, so sieht die Kuh das neue Tor an, aber Seinen alten Unteroffizier sollte Er doch noch kennen, Albrecht! Schockschwerenot, da sieht man wieder, was es nützt, mit einem Esel Freundschaft zu schließen und an tausend Beiwachtfeuern ihn zu Sittsamkeit und Tugend anzuhalten! Kerl, so dumm sah Er nicht aus, als ich Ihn zum ersten Mal in Reih’ und Glied stellte. Na, geht Ihm endlich ein Licht auf, Kamerad? Es hat mich lange nichts so sehr gefreut! Guten Morgen, Albrecht; es ist wirklich ein Pläsier, daß du endlich den Mund zumachst. Ich bin es und — da bin ich und verhoffe, daß du es für einen Affront genommen hättest, wenn ich heute an deiner Tür vorbeimarschiert wäre, ohne vorzusprechen. Ich bleibe auch zu Mittag und nehme mit einem Strohsack zur Nacht vorlieb: Du weißt, verwöhnen tut unsereinen weder Seine königliche Majestät, noch Seine herzogliche Durchlaucht; aber ein Vivat wirft’s doch noch für beide ab; vorzüglich wenn das Getränk danach ist. Gewehr ab! Rührt Euch! Musketier, auf das Wiedersehen hattest du dich wohl auch nicht eingerichtet, als die Glocke heute morgen in die Kirche läutete?“
Er hatte den Hut auf den Tisch geworfen und sich in den Sorgenstuhl des Meisters Christian. Der junge Müller Bodenhagen stand vor ihm:
„Ist Er es denn wirklich, Korporal? Bist du es wirklich in Fleisch und Blut, Jochen?“
„In Fleisch und Blut bis auf das, was bei Minden liegen geblieben ist, Joachim Brand aus der Bergstadt Grund im Harz; königlich preußischer und kurfürstlich hannoverscher Korporal auf der Retraite, und bis auf das Stück von ihm, das bei Minden liegt, immer noch dein guter Freund und Kamerad, Musketier Bodenhagen.“