„Ich gehe nach einer langen, mühsamen Wanderung durch die arge Welt heim in meine Zelle.“
„Und Sie wissen also wohl gar nicht, wie gut Sie es haben, mein Pater?“
Trotz seiner Verstimmung mußte der Alte doch lächeln, und seinen Schritt mäßigend, fragte er:
„Sie gehen bei diesem üblen Wetter noch nicht heim, gelehrter Herr Studiosus?“
„Wie gerne!“ seufzte der Student; „aber haben Sie auch einmal, Herr Pater, einen Onkel und eine Tante gehabt? O heiliger Kilianus, in welche Hände ist dein Haus übergegangen! Ich hatte so sicher da auf eine Abendmahlzeit und einen Strohsack unter dem Schutze deines Marterzeugs gezählt! Ehrwürdiger Herr, sehet hier; als sie mich von Helmstedt wegtrieben, ließ ich ihnen meine Schulden und nahm ihnen diesen Göttersohn in Schweinsleder aus ihrer Bibliotheka mit. Den werde ich nun bei dieser lieblichen Witterung die Nacht über in einer dieser Höxterischen Ruinen an einem eingefallenen Herde als Kopfkissen nehmen müssen. Was meinen Sie aber, mein Pater, wenn Sie ihn mir abhandelten um ein Billiges? Wenn Phöbus nicht längst diesem niederträchtigen Erdenwinkel den Rücken gewendet hätte, würde ich das Volum Ihnen gern zur genauen Besichtigung ad oculos rücken. Es ist eine treffliche Edition — Amstelodami, ex officina Henrici et Theodori Boom — mit einem Frontispizium vom berühmten Maler und Kupferstecher Romyn de Hooghe; he?!“
„Ich war ein Reitersmann in meiner Jungheit und habe schon und leider als Junker Heinrich von Herstelle meines Informators Latein an den Büschen hängen lassen,“ erwiderte der Mönch. „Ich danke Euch herzlich, mein lieber junger Freund, und befehle Euch dem Schutze des Allerhöchsten. Sonsten haben wir auch zu Corvey eine mächtige, fürtreffliche Bücherei, und sie würden mich weidlich auslachen, wenn ich von der Reise dergleichen ihnen mitbrächte und zutrüge.“
„Eulen nach Athen,“ murmelte der Student. „Ich will’s aus Höflichkeit glauben; also — vergnügliche gute Nacht, mein Pater.“
Der Mönch verneigte sich abermals und ging; der Helmstedtsche Studiosus blieb und rief, als der Bruder Henricus ihm aus Gehörweite entfernt zu sein schien:
„Also wiederum abgeblitzt! Da lohnte es sich in Wahrheit, seinen Musquedonner oder seine Schnapphahnflinte zu laden! Pulver und Blei! Palsambleu! mille millions tonnerres! kein Fluch in teutscher Zunge kann da ausreichen, um einem Menschenkind Luft zu machen. Da nimmt der Pfaff meinen warmen Sitz am Corveyschen Stiftsküchenfeuer in seiner Kutte mit hin; aber — das ist die Zeit, so ist die Zeit! so sind sie alle — gleichviel ob katholisch oder lutherisch aufgewichst! o du heiliger Simson von der Kollegienkirche! o ihr Fleischtöpfe der alma mater Julia! o du lange Burschenbank im Ducksteinkeller! — Und solch einem Böotier hab’ ich meinen Lauriger für ein Nachtessen angeboten?! Schäme dich, Lambertus, und geh in dich! Bei den Unsterblichen, es bleibt also bei einem Nachtquartier in den Ruderibus des Herrn Feldzeugmeisters von Wrangel. Gesegnet sei sein Angedenken! gesegnet sei sein Durchmarsch nach dem Allgäu zum Bregenzer Sturm! Gesegnet seien seine Kartaunen und Bombarden von Anno Sechsundvierzig! Da kriegte man doch wahrlich Lust, selbst den Tilly und den Generalfeldmarschall von Gleen und das Jahr Vierunddreißig mit seinem ‚Salzkotter Quartier!‘ hochleben zu lassen. Was finge nun heute unsereiner an ohne die Ruinen vom Höxterschen Blutbad?!“
Ei ja, aber wer hatte sonst in dieser Nacht ein ruhig, warmes Quartier, ein sicheres und behagliches Kopfkissen und Deckbett in Huxar an der Weser? Eigentlich niemand. Es kam keiner zu einem gesunden Schlaf, außer den gesunden Kindern. Es war eben in der Woche nach der Sündflut, und wie die übriggebliebene Familie Noah sehr bald in Gezänk und Hohn gegeneinander ihrem Unbehagen in der verwüsteten Welt Raum gab, so lag die Höxtersche Bürgerschaft jetzt schon im Hader untereinander und sich im Haar.