„Und wer war Schuld daran,“ klang’s zurück, „daß unserm Fürstlich Münsterischen Hauptmann Meyer, welcher mit zwanzig Mann bei Euch lag, das Trommelspiel, womit derselbe durch seinen Tambour die gewöhnliche Reveli, Scharwacht und Zapfenstreich schlagen lassen, gewaltthätig weggenommen und zu der Braunschweigischen Munition unterm Rathhaus hingebracht wurde?“
„Seid Ihr nicht in dieser anhängigen Sache gleichsam Judex, pars et advocatus?“ schrie die Stadt.
„Mit nichten! Von Gottes Gnaden sind Wir, Christoph Bernhard, Bischof zu Münster, Administrator zu Corvey, Eueres heillosen, rebellischen Municipii eingesetzter und gesalbter Landesherr!“ schallte es zurück.
„Hm, Euer Liebden,“ kam’s vom jenseitigen Ufer der Weser schriftlich herüber, „ohne Euer Liebden in Ihrer unstreitigen Gerechtsame und Landes-Fürstlicher Hoheit zu nahe zu treten, so haben wir doch als Erb-Schutz-Herr wegen unseres Fürstlichen Hauses Interesse dahin zu sehen, daß die arme Stadt in solchem desperaten Zustande nicht gleichsam vor unsern Augen zu Grunde gehen muge.“ Signatum: „Rudolff Augustus“ „An den Herrn Bischoffen von Münster.“
In der gehörigen Zeit nach diesem freundnachbarlichen Schreiben war — eben der Herr von Turenne in Höxter eingerückt. Eine verständlichere Antwort auf den herzoglichen Brief hatte Herr Christoph Bernhard von Galen nicht zu geben gewußt, daß aber der gute Nachbar auf dem Amtshause Wickensen sie sofort verstanden hatte, wird uns deutlich werden, wenn der alte Reiter Heinrich von Herstelle zu Corvey Kunde davon gibt, was er im Solling sah.
Was die Judenschaft anbetraf, über deren in Wegfall gekommenes „Geleitsrecht“ die Bürgerschaft von Höxter gleichfalls so sehr erbost war, so hielt sie sich verständigerweise so still als möglich, ohne daß es ihr viel half. — —
Und nun hatte der Herr von Fougerais am Tage vor der Heimkehr des Bruders Henricus, nach Wesel abmarschierend, die gute Stadt des Fürstbischofs von Münster verlassen und — nicht ohne seine Gründe, vorher die Brücke, die auf das rechte Weserufer überführte, abgebrochen. Christoph Bernhard mit seiner Macht stand weit in der Ferne gegen Holland: für eine Zeit waren Höxter und Corvey sich selber anheimgegeben, und wild und wüst wie in den Häusern und Gassen sah es in den Gemütern aus.
Der Helmstedter konsiliierte Studente, der, seinem Worte wenigstens nach, eben im Begriff war, ein Nachtquartier in irgendeiner Ruine früheren Wohlstandes zu suchen, konnte da vielleicht unter Umständen den ruhigsten und behaglichsten Platz in ganz Huxar finden. Es war jetzt ganz Nacht und viel zu dunkel, um den Horatius hervorzuholen und, mit dem Zeigefinger zwischen die Blätter greifend, sich ein Vaticinium aus ihm herauszulangen, wie man früher desgleichen sich aus dem Virgilius holte. Herr Lambert ging deshalb einfach wie jedes andere Menschenkind, wie das Schicksal ihn führte; und bis jetzt hatte dasselbe ihn, wo nicht immer behaglich, so doch stets recht vergnüglich durch die arge Welt geleitet.