Wir sind allesamt in dieser argen Welt gleich Kindern, denen das Schreiben gelehrt und vom Meister die Hand geführt wird. Nun gingen wir nur allzu gern sofort dem Bruder Henricus nach; allein schon hat man uns auf die Schulter geklopft und nach einer anderen Richtung hingedeutet.

Wie die beiden anderen, die mit ihr den wilden Strom überschifft hatten, war die Kröppel-Leah nach Hause gegangen. Und wenn der Pfarrherr von St. Kilian hinter der vor dem Neffen verriegelten Tür sein Weib am warmen Ofen, wenn der Mönch von Corvey seine Zelle fand, so fand die Greisin ihre Heimat in Ordnung — wie die Zeitläufte es erlaubten. Fünfzig Mann von einem pikardischen Musketierregimente hatten in ihrem Hause gelegen und es sich darin während ihrer Abwesenheit behaglich gemacht! Die Haustür war halb aus den Angeln gerissen, der größte Teil der Fensterscheiben auch hier zertrümmert. Sämtliches Gerät war in Stücke zerschlagen worden. Die Wände waren vom Rauch geschwärzt und sonst besudelt und mit Namen und wüsten Zeichnungen versaut: die fremden Gäste hatten nicht alle schreiben können, aber sie hatten sämtlich zu zeichnen verstanden — und wie!

Die fünfzig französischen Kriegsmänner hatten das Judenhaus für sich allein gehabt; aber noch am Tage ihres Abzuges mit dem Herrn von Fougerais oder vielmehr am Abende dieses Tages hatte sich jemand eingefunden, der eine Weile starr mit gefalteten Händen und unterdrücktem Schluchzen ob der Wüstenei dastand, bis er in ein lautes Weinen ausbrach; und dieser Jemand war ein kleines Mädchen von vierzehn Jahren, der Greisin letzte Enkelin, gewesen. Wo das Kind sich während der letzten wilden Wochen verborgen gehalten hatte, war dem Stift und der Stadt gleichgültig; wenn auch uns nicht. Jetzt war es wieder da und weinte auf den Trümmern des Hauses seiner Großmutter gerade so laut und bitterlich wie weiland der Prophet Jeremias auf den Trümmern der großen Stadt Jerusalem.

Doch das Kind hatte sich gefaßt. Es war eben auch ein Sprößling jenes tapfersten aller Völker, das sich auf jedem Brandschutt seines Glückes schier noch hartnäckiger als das deutsche Volk mit seinen Wurzelfasern wieder anzuheften wußte. Vor allen Dingen hatte das Kind aus dem Hause der Glaubensgenossen, in welchem es von der Barmherzigkeit aufgenommen worden war, ein Lämpchen geholt und mit diesem in der Hand seine schwere Arbeit angefangen. Das kleine Judenmädchen hatte das Haus gereinigt!

Mit seinem Lämpchen in der armen, winzigen, zitternden Hand suchte es das verwüstete Haus ab vom Keller bis zum Boden, und häufig stöhnte es und rief den Gott seines Volkes an, wenn es wieder ein schlau und sicher angelegtes Versteck von der in diesen Angelegenheiten noch schlaueren, auch auf dergleichen ausstudierten Soldateska des Herrn Marschalls von Turenne aufgefunden und ausgestöbert fand. Und das Kind war ganz allein in seiner Not gewesen. Niemand hatte sich darum gekümmert in Höxter, wenn der Schimmer der kleinen Lampe bald hier, bald dort an einer der leeren, schwarzen Fensteröffnungen vorüberflimmerte. Der Volks- und Glaubensgenosse Meister Samuel hatte die Lampe hergeliehen; sein Weib Siphra hatte einen Handkorb mit einem schwarzen Brot, einem schlechten Messer ohne Griff, einen irdenen Krug und einen mit Draht umflochtenen Kochtopf dazugetan:

„Wir würden dir die Taschen mit Gold und Silber füllen und dir eine Herde von Zicklein und Böcklein voraufgehen und dir einen Wagen voll Mehl und Honig und Öl und Gewürz nachfahren lassen, wenn wir’s könnten; aber wir können’s nicht, Simeath!“ hatte man in Meister Samuels Hause gesagt.

„Da hast du noch einen Besen; es ist wohl der schlechteste, aber wir brauchen alle übrigen selber,“ hatte die Frau Siphra hinzugefügt, und so war das Kind mit herzlichem Dank und überströmenden Dankestränen gegangen und hatte es dem König Louis, dem Bischof von Münster, dem Herrn von Turenne, dem Herrn von Fougerais, dem Stift und der Stadt zum Trotz möglich gemacht, sich einzurichten, bis die Großmutter heimkehrte.

Nach dem Hofe zu gelegen, befand sich im oberen Stockwerke des Hauses ein enges, dunkles Gemach, in welchem monsieur le Sergeant mit seiner Zuhälterin, einer dicken Champenoise aus Troyes, sein Quartier aufgeschlagen gehabt hatte und das demnach nicht ganz so ruiniert worden war als die übrigen Räume. In dieser Kammer stand noch das Bett aufrecht, sowie auch ein Tisch, dem nicht mehr als ein Bein abgeschlagen worden war. Zwei oder drei noch sitzgerechte Schemel waren auch dem scherzhaften Mutwillen des abziehenden Heeres entgangen. Schlimm genug sah es freilich auch hier auf dem Estrich, in den Winkeln und an den Wänden aus, und das Bettzeug warf Simeath sofort mit Schaudern in den Hof hinunter. Jedoch da war der Besen und die fleißige, harte, kleine Hand! Um Mitternacht war das Stübchen gekehrt, der Tisch festgestellt und vom nächsten verlassenen Kavallerieposten in der Gasse ein zurückgelassenes Bund Stroh in die Bettstelle der Mamzelle Genevion heraufgeschleppt: eine Viertelstunde nach Mitternacht lag Simeath in diesem Stroh und schlief der Heimkunft der Großmutter entgegen.

Wie das Kind erwachte — vielleicht aus einem glücklichen Traume! — wie es aufrecht saß und sich verstört zum Bewußtsein kommend, in der Scheußlichkeit rings umher umsah; wie es den Tag bis zur abermaligen Dämmerung des Abends hinbrachte, wollen wir auch nicht beschreiben. Wir sahen die Großmutter mit ihrem Bündel, von dem Spott und den bösen Blicken der Wachtmannschaft an der Weserfähre verfolgt, humpelnd ihren Weg nach ihrer Behausung zu nehmen. Wir malen uns in der Phantasie aus, wie sie vor dem Hause stand und nach den zerbrochenen Scheiben hinaufstarrte, wie sie dann über die zertrümmerte Schwelle durch die türlose Pforte trat, und wie ihre Enkelin aufschreiend und mit ausgebreiteten Armen ihr entgegenlief und umherdeutete:

„Sieh! sieh! — Alles hin! nichts heil; — alles voll Ekel und Graus; — alles wüste, alles von den schlechten, wilden Menschen zugrunde gerichtet!“