Nachher hat die Greisin das Haupt gesenkt und einen Spruch in der Sprache ihrer Väter gesagt. Nachher hat das kleine Mädchen die alte Mutter die Treppe hinaufgeleitet und sie in das gereinigte Stübchen geführt. Nachher ist es wieder ganz Nacht geworden; die kleine Lampe aus dem Hause des Meisters Samuel und der guten Frau Siphra brennt auf dem Tische, der von Simeath so künstlich zum Stehen gebracht wurde. Großmutter und Enkelin sitzen an diesem Tisch einander gegenüber. Das Bündel mit der Erbschaft aus Gronau im Fürstentum Hildesheim liegt unter dem Tische.

„Mein gut Kind, wie oft hat der Feind oder das böse Volk in der Stadt dieses Haus umgestürzt, seit ich Atem ziehe? Wer so weit herkommt aus der Zeit wie ich; wer den tollen Christian und den Tilly, den Herrn von Gleen, die Herzogin von Hessen, den Feldmarschall Holzappel, den Wrangel und so viele kleinere wilde Heeresführer vorüberreiten oder über sich wegtreten ließ, der macht sich wenig mehr aus dem Herrn von Turenne und dem Herrn von Fougerais! Ich sehe nur wieder, was ich schon ein Dutzend Male sah. Es ist eine Zeit, in welcher der Mensch das Schlimmste als das Gewöhnlichste hinnimmt. Weine nicht, mein liebes Herzchen, du bist jung und magst noch in eine reinlichere, bessere Zeit hineinleben!“

So hatte die Kröppel-Leah getröstet, und währenddessen hatte der Pastor zu St. Kilian in der bekannten Weise seinem Neffen eine recht gute Nacht gewünscht; währenddessen hatte der Student seinen Tröster im Jammer, den Horatius, dem Bruder Henricus zum Kauf oder für ein Abendessen und Nachtquartier hingehalten; währenddessen — war von der Erbschaft der alten Jüdin an einem Orte, den wir jetzt erst betreten, die Rede.

Am Corveytor in einer Schenke, die im Schild als Zeichen einen Mann führte, welcher in einem Ölkessel tanzte, in der Kneipe „zum heiligen Vitus“, wurde von dem Bündel der Kröppel-Leah gesprochen.

Der Student, Herr Lambert Tewes, war dreimal in das zerbrochene Mauerwerk früheren städtischen Wohlbehagens hineingetappt und hatte sich nach den Ruderibus der Herdstellen hingetastet:

„Brr,“ hatte er jedesmal geächzt, und zum vierten Male wiederholte er den Versuch, sich ein Nachtlager unter den Ruinen des Dreißigjährigen Krieges in Höxter zu suchen, nicht.

„Basolamano, messieurs, meine hochgünstigen Herren!“ sagte er höflich beim Eintritt in die Kneipe zu Sankt Veit am Corveytor; ein heller Jubel und lautstimmiges Halloh begrüßten ihn dagegen.

Bis auf den Stadtkorporal Polhenne waren sie allesamt wieder vorhanden und noch einige ihres Gelichters dazu. Eine saubere Gesellschaft, meistenteils auch bereits halb angetrunken und zu jeglichem Schabernack und Unfug bereit! Da war auch der Schulkamerad Wigand Säuberlich, mit dem die Höxterianischen Scholarchen ihren gelehrten Kohl nicht hatten schmalzen können; und dieser, nämlich der Säuberlich, war’s auch hier, der den Studenten zuerst wieder am Knopfe faßte, ihm mit einem schäumenden Bierkrug unter den Bart trat und schrie:

„Da haben wir ihn! Kerl, wo hast du gesteckt? Seit einer Stunde sehnen wir uns nach dir wie eine alte Jungfer nach dem Hochzeiter. Juchhe, jetzt ist der Ofen geheizt und der Braten fertig! Tragt auf, gute Gesellen; Messer und Gabel heraus! Du gehst doch mit uns, Lambert?“

„Wohin, Signor Strillone?“